Worte, die verletzen

Im Zuge der in diesen Tagen begonnenen Fußball-Weltmeisterschaft haben Dokumentationen rund um diese Sportart Hochkonjunktur. In der Reihe »Elf Helden – ein Albtraum«, in dem es um die Weltmeisterschaft 2014 geht, kommt unter anderem auch der damalige Bundestrainer, Hans-Hubert (»Berti«) Vogts, zu Wort und schaut dabei unter anderen auch auf seine Kindheit zurück.

Beide Elternteile hatte er innerhalb kurzer Zeit im Alter von 12 Jahren früh verloren. Nun erinnert er sich an die Beerdigung des Vaters und an das Verhalten des zuständigen Seelsorgers: »Der Pfarrer meinte, ich wäre ein böser Junge. Mein Vater hätte sich so dareingesteigert – und deshalb ist er gestorben. Und ich hätte Schuld. Das habe ich dem Pfarrer bis heute nicht verziehen.« (Zeitungsbericht in der FR).

Mich hat das aus verschiedenen Gründen bewegt: Natürlich ist es so ziemlich das Falscheste, was ein Mensch zu einem anderen Menschen bei der Beerdigung eines Angehörigen sagen kann. Und wer, wenn nicht ein Seelsorger, sollte das eigentlich wissen – eigentlich … Außerdem ist es natürlich totaler Unsinn. Selbst wenn hier ein frühpubertärer Junge seinem Vater Ärger gemacht haben sollte, wäre es ja völlig unzutreffend, diesen kurzschlüssigen Zusammenhang zwischen kindlicher »Bosheit« und der Herzerkrankung des Vaters herzustellen.

Aber ich glaube, mit am meisten hat mich betroffen gemacht, dass diese Geschichte Berti Vogts noch bis in sein 80. Lebensjahr verfolgt. Knapp 70 Jahre ist dieses Erlebnis schon her – und immer noch macht ihm das zu schaffen, erinnert er sich an diese Worte, die ihn offensichtlich durch sein ganzes Leben begleitet haben.

Sicherlich ist dies ein trauriger Extremfall. Aber wahrscheinlich tragen viele von uns Worte mit sich herum, die irgendjemand mal fallen gelassen hat, die uns in der Situation getroffen haben und uns seither ein Leben lang wie ein schlechter Ohrwurm begleiten: »Ach, komm, lass mich das machen. Du kannst das eh nicht.« Oder: »Wie blöd kann man eigentlich sein?« Oder: »Kein Wunder, dass du niemanden abbekommst!«

Diejenigen, die so reden, haben das wahrscheinlich schon ein paar Tage später vergessen, was sie gesagt haben. Diejenigen, die solche Worte gehört haben, spüren die Verletzungen, die damit einhergehen, dagegen oft noch nach Jahren und Jahrzehnten.

Schon in der Bibel finden wir eine Beschreibung solchen verletzenden Redens: »Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert; aber die Zunge der Weisen bringt Heilung.« (Sprüche 12,18, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Gleichzeitig klingt hier schon an, dass solche Verletzungen allerdings auch geheilt werden können. Weise Worte, wohltuende Worte, wertschätzende Worte und ermutigende Worte sind in der Lage, sich heilsam auf die Verletzungen zu legen, die andere uns zugefügt haben. Vor allem aber ist es das Wort Gottes, Jesus Christus, Gottes großes »Ja« zu uns, sein »Ich habe dich unendlich lieb!« und sein »Dir ist vergeben!«, das Heil und Heilung bringt. Es wäre Aufgabe des Pfarrers gewesen, dem jungen Hans-Hubert in seiner Trauer (und in den Gewissensbissen, die ihn womöglich selbst schon geplagt haben) genau das zu sagen – und nicht, ihm vermeintliche Schuld einzureden.

Christoph Barnbrock


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