Zu den biblischen Geschichten, die mir besonders lieb und wert sind, gehört die des Zwillingspaars Jakob und Esau (1. Mose 25–33). Sie steckt so voll von alltäglichem Leben, von Dynamiken, die sich bis heute in vielen Familien (und darüber hinaus) beobachten lassen: Rivalität unter Geschwistern, Bevorzugung durch ein Elternteil (oder der Eindruck, dass es so wäre), Ungerechtigkeit, Schuld, Angst vor den Konsequenzen, das Umgehen mit dem, was in der Familie gewesen ist, und auch das Bemühen um Versöhnung.
In dieser Geschichte wird nichts beschönigt, hier wird nicht der eine als Verbrecherfigur und der andere als Heilige gezeichnet, sondern es sind realistische Skizzen von uns Menschen, wie wir nun einmal sind.
Letzte Woche las ich den neuesten Roman von einem meiner Lieblingsschriftsteller, Ewald Arenz, mit dem Titel »Fünf, sechs, sieben acht«. In diesem Buch geht es unter anderem um das Älterwerden, um Familie, um Schuld, um das Umgehen mit der eigenen Lebensgeschichte, darum, wer ich eigentlich bin, wenn meine Leistungsfähigkeit nachlässt.
In einem Strang der Erzählung geht es auch um Schuld, die der Protagonist, Anton, in seiner Familie auf sich geladen hat. Was er getan hat, liegt lange zurück. Und jedenfalls oberflächlich hat sich zwischenzeitlich alles auch wieder so halbwegs zurechtgeruckelt. Und doch zeigt sich in bestimmten Situationen immer wieder, dass das, was war, nicht wirklich Vergangenheit ist und bei den Betroffenen nachwirkt. Anton dagegen ärgert sich, dass die anderen ihm nicht »einfach mal« vergeben und einen Strich unter die ganze Angelegenheit ziehen können.
Aber auf Versöhnung und Vergebung habe ich kein Anrecht, kann sie nicht einklagen. Versöhnung geschieht auch nicht so, dass ich einen Schalter umlege und mit einem Mal der andere vergessen hätte, was war. Sondern oft braucht es Zeit und lange Wege wieder aufeinander zu. Versöhnung vollzieht sich dabei oft in mehreren Etappen. Ja, die Wunde mag nicht mehr offen klaffen, aber die Stelle ist immer noch in besonderer Weise empfindlich.
Gerade das finde ich auch in der Geschichte von Jakob und Esau so schön eingefangen. Da kommt es nicht zu einem schnellen Sich-Vertragen der Brüder, nicht zu einem Schwamm-Drüber, sondern über Jahre und Jahrzehnte schwelt der Streit und es bleibt unklar, ob es zur Versöhnung kommt. Am Ende gelingt es in dieser Geschichte (und – Achtung: Spoiler! – auch im Buch von Arenz). Aber eben doch jeweils so, dass derjenige, der Schuld auf sich geladen hat, nicht auf die Versöhnung und Vergebung besteht und sie einfordert, sondern sie geschenkt bekommt – letztlich auch unerwartet. Bei Jakob und Esau ist es auch Gottes Gnade, die sie an anderer Stelle in ihrem Leben erfahren haben, die sie in die Lage versetzt, auch über den Streit untereinander hinwegzukommen.
Von der Begegnung der beiden Brüder nach langem Streit und ebenso langer Funkstille heißt es schließlich: »Esau aber lief ihm [= Jakob] entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten.« (1. Mose 33,4, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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