Bist du, wer du sein willst?

An einer Wand in meiner Stadt ist in großen Buchstaben zu lesen: »bist du, wer du sein willst?« – Gute Frage: Bin ich der, der ich sein will? Dafür müsste ich ja erst einmal für mich geklärt haben, wer ich sein will – um anhand dessen danach zu überprüfen, ob ich diesem Bild auch entspreche.

»Wer will ich sein?« Mit Anfang 20 lässt sich die Frage vielleicht leichter beantworten als mit Anfang 50. Kurz nach dem Schulabschluss scheint das Leben noch formbar und gestaltbar zu sein. Da kann es dann leicht schon mal vor Ideen wimmeln, was das Leben alles mit sich bringen soll, kann oder möge. In meiner Lebensphase sehen die Dinge schon anders aus. Manche Weichen sind gestellt. In der einen oder anderen Hinsicht bin ich tatsächlich so geworden, wie ich mir das mal ausgemalt habe. Und dann muss ich mir doch auch eingestehen, dass Träume geplatzt sind, dass manches misslungen ist und ich mir meiner Grenzen und manchem, was mich auch in unguter Weise ausmacht, nur zu bewusst bin.

Es ist von daher kein Wunder, dass jemand neben diese Frage das Wort »noch« gekritzelt hat. Das lässt sich allerdings durchaus unterschiedlich verstehen: »Bist du noch, wer du sein willst?« Oder als Antwort auf die Frage: Ja, »noch«! In jedem Fall würde ja dabei mitschwingen, dass ich mich im Laufe der Zeit von dem Ideal meiner Person entferne, je länger ich im Leben unterwegs bin. Und in mancherlei Hinsicht mag das auch so sein.

Allerdings merke ich, dass mir die Frage »Bist du, wer du sein willst?« letztlich doch fremd bleibt. Kommt es denn wirklich darauf an, wer ich sein will? Zumindest merke ich, dass meine Antworten, die ich auf die Frage geben würde, immer auch mit anderen Personen zu tun haben: Meinen Kindern möchte ich ein liebevoller Vater sein, meiner Frau ein verlässlicher Partner, den Studierenden, die ich unterrichte, ein hilfreicher Begleiter auf ihren Lernwegen und den Gemeinden, in denen ich unterwegs bin, ein Bote, der die frohe Botschaft so unter die Leute bringt, dass sie sich daran im Glauben festmachen können. In alledem geht es auch um mich – aber eben doch nicht nur, sondern immer in Beziehung zu anderen. Und natürlich weiß ich auch, dass ich in jedem der genannten Bereiche »Luft nach oben« habe und manches unvollkommen bleibt. Hier lässt sich auch immer wieder Schuld entdecken – und Vergebung ist nötig.

Ich glaube, am Ende führt mich die Frage, ob ich bin, wer ich sein will, nicht wirklich weiter, sondern eher in ein Grübeln, das der Seele wenig guttut. Stattdessen hilft mir die Frage weiter, wer ich denn eigentlich in Gottes Augen bin. »Bin ich vor Gott, wer ich sein will?« Und ich höre aus Gottes Wort:

»[…] ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.« (Galater 3,26, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Durch den Glauben bin ich Gottes Kind in Christus Jesus: Bin ich damit (vor Gott), wer ich sein will? Ja, das bin ich. Das will ich sein. Und zwar nicht nur »noch« sondern für immer. Und das ist nichts, was mit dem Laufe des Lebens immer weniger wird, sondern das bleibt, weil Gottes Liebe und Treue mir gegenüber verlässlich sind und gleich bleiben.

Christoph Barnbrock


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