Bisweilen könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Glück der Menschen gerade darin bestünde, dass andere eben gerade nicht mehr da wären. Besonders hässlich und hohl klingt es in den Parolen des »Ausländer raus!« an. Dahinter verbirgt sich ja allzu oft der Gedanke, dass alles oder zumindest manches besser würde, wenn »die« (wer auch immer »die« sind) weg wären. Dass die einzelnen Menschen und ihre Schicksale dabei nicht im Blick sind, ist offensichtlich. Und dass erhebliche neue Probleme auch für die Hierbleibenden entstehen würden, wenn die Gruppe der Zugezogenen und hier heimisch Gewordenen, plötzlich weg wäre, wird dann auch gerne übersehen.
Dieser Gedanke, die Welt oder zumindest meine Welt würde besser, wenn die anderen erst einmal weg wären, ist allerdings nichts, was Gruppierungen am rechten Rand der Gesellschaft exklusiv für sich hätten. Sondern ich erlebe es in vielen Kontexten, dass andere, mit denen eine(r) nicht übereinstimmt, vor allem als Last und loszuwerdendes Übel angesehen werden.
Nun muss ich nicht alle Menschen toll finden. Außerdem lässt sich über politische und weltanschauliche Positionen gewiss streiten. Ja, mehr noch: es muss in einer freiheitlichen Demokratie sogar gestritten werden. Denn in der Debatte und in der Auseinandersetzung, so ist es zumindest einer der Gedanken der parlamentarischen Demokratie, erfolgt ein weiterer Ausgleich der Interessen, wird gerade im Für und Wider erkennbar, was ein für möglichst viele gangbarer Weg im Miteinander sein könnte.
Zum Beispiel an diesem Punkt zeigt sich aber, dass der andere gebraucht wird – gerade auch in seiner Andersartigkeit (allerdings auf einer gemeinsamen Basis). Und auch mein Leben wäre in einer in hohem Maße ausdifferenzierten Gesellschaft ohne die anderen ja gar nicht möglich – ohne Menschen, die in Wasser- und Elektrizitätswerken arbeiten, bei der Polizei, in Krankenhäusern und in Pflegeheimen, bei der Post, bei der Feuerwehr und und und.
So gesehen wird dann aus dem anderen, dessen andere Meinung mir lästig ist, jemand, den Gott mir geschenkt hat. Und derjenige, den ich mir gerade vielleicht noch weggewünscht habe, ist am Ende vielleicht gerade einer der Menschen, durch die Gott mir in meinem Leben dient.
Wir brauchen einander, damit unser Leben überhaupt so sein kann, wie es derzeit aussieht. Wären alle wie ich, würden viele Gaben fehlen und würden meine Schwächen nicht ausgeglichen. Wäre nur ich da, wäre ich damit überfordert, schon in meinem überschaubaren Lebens- und Arbeitsbereich alle Aufgaben zu schultern. In meiner begrenzten Perspektive würden immer auch die Sichtweisen der anderen fehlen. Ich brauche andere, damit ich tun kann, was ich zu tun habe. Ja, wir brauchen einander.
»Die Pläne werden zunichte, wo man nicht miteinander berät; wo aber viele Ratgeber sind, gelingen sie.« (Sprüche 15,22, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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