Es ist erstaunlich, wie Texte durch kleine Modifikationen ihren Charakter verändern können. Das habe ich kürzlich bei einem geistlichen Morgenimpuls im ökumenischen Kontext erlebt. Die Referentin lud dazu ein, gemeinsam das Apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen und zu beten. Dabei hatte sie an einigen wenigen Stellen Veränderungen vorgenommen.
Nun muss ich dazusagen, dass ich auf Veränderungen bei geprägten Texten wie dem Glaubensbekenntnis eher allergisch reagiere. Es ist ja gerade Wert und Eigenart dieser Texte, dass sie verbindlich sind und gerade in ihrer Verbindlichkeit Menschen über Zeiten und Orte hinweg auch verbinden. Wenn dann jeder und jede anfängt, hier und da noch mal etwas zu schrauben und zu verändern, dann geht genau das und damit, finde ich, Wesentliches verloren.
Allerdings war es in diesem Fall nicht so, dass die Referentin irgendwelche Glaubensaussagen aus dem Bekenntnis gestrichen oder neue eingefügt hätte, sondern sie hatte lediglich an verschiedenen Stellen das Wort »Du« bzw. dessen Entsprechungen eingefügt, also: »Ich glaube an dich, Gott, den Vater …« bzw. »Und an dich, Jesus Christus …«.
Aus dem, was sonst eine Zusammenstellung von Glaubensaussagen zu sein scheint, wird so nun eine Anrede. Und das, was das Glaubensbekenntnis seinem Wesen nach immer ist – nämlich Lobpreis für all das, was Gott für uns tut -, kommt in der direkten Anrede, so scheint mir, fast deutlicher zum Ausdruck.
Interessant finde ich, dass Martin Luther in seiner Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ganz ähnlich vorgegangen ist. Nur hat er kein »Du« oder »Dich« eingebaut, sondern ein »Mich«. »Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat …« Und schon wurde aus dem Bekenntnis zur Weltschöpfung im Großen und Ganzen etwas, was ganz unmittelbar mit Gott und mir zu tun hat.
Nein, ich werde das Apostolische Glaubensbekenntnis für die Gottesdienste, die ich zusammen mit Gemeinden feiere, nicht grundsätzlich umschreiben. Aber hier und da, vielleicht auch im persönlichen Andachtsleben, dieses »Du« hinzuzufügen – das kann, so habe ich es nun gelernt, durchaus eine bereichernde Perspektive sein. Wenn ich meinen Glauben bekenne, dann rede ich nicht einfach über Gott, sondern ich rede ihn an, lobe und preise ihn, danke ihm für all das, was er immer wieder (auch in meinem Leben) tut.
»HERR Zebaoth, du Gott Israels, der du über den Cherubim thronst, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.« (Jesaja 37,16, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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