Zu den erhellenden Kommunikationsmodellen, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, gehört das sog. »Johari-Fenster« (benannt nach seinen Entwicklern, Joseph Luft und Harrington Ingham. Dabei geht es im Wesentlichen darum zu unterscheiden, was wem von einer Person bekannt ist. Dies haben die beiden Sozialpsychologen versucht, in vier Feldern (wie in einem Fenster mit vier Scheiben) zu beschreiben.
Ein Feld enthält das, was nur ich von mir weiß, andere aber nicht. Das zweite Feld birgt die Informationen über mich, die sowohl mir selbst als auch meinem Gegenüber bekannt sind. Dazu gehören zum Beispiel Informationen zu meinem Aussehen, zu meinem Namen, meinem Beruf. Und je enger ich mit Menschen befreundet bin und je mehr ich ihnen auch Anteil an meinem Leben gegeben habe, desto größer wird dieses Feld gemeinsamen Wissens. Meine Freunde wissen (hoffentlich) eine ganze Menge mehr von mir als meinen Namen und meine (inzwischen reichlich melierte) Haarfarbe.
Richtig interessant wird es eigentlich in den anderen beiden Feldern. Es gibt nämlich auch Aspekte, die zu meiner Person gehören, die mir nicht bewusst sind, die andere aber deutlich an mir wahrnehmen. Von hier erklärt sich das unangenehme Empfinden, das sich bei den meisten Menschen einstellt, wenn sie Videoaufnahmen von sich selbst sehen. Wie unsere Stimme klingt und welche Marotten wir uns angewöhnt haben, ist uns oft gar nicht bewusst – eine Videoaufnahme spiegelt uns das dann. Es kann aber auch sein, dass ein Mensch uns daran Anteil gibt, wie er uns in einer bestimmten Situation oder über eine längere Zeitdauer hinweg wahrgenommen hat. Oft ist das nicht unbedingt erfreulich, was wir da zu hören bekommen. Und wir erschrecken, dass wir tatsächlich so auf andere gewirkt haben. Das ist uns ja längst nicht immer bewusst. Aber natürlich gibt es auch Segensreiches, Begabungen und Stärken, die uns verborgen sind, die andere dagegen viel deutlicher an uns wahrnehmen.
Dann gibt es schließlich einen Bereich, der weder mir noch anderen bewusst und zugänglich ist. Längst nicht alles, was uns als Person ausmacht und was uns geprägt hat, liegt für uns auf der Hand. Und natürlich haben andere oft noch weniger einen Einblick in all das. Trotzdem gehört es zu uns und prägt uns und macht uns zu den Menschen, die wir sind – im Guten wie im Schlechten.
Ich denke dabei an das Psalmwort: »HERR, du erforschest mich und kennest mich. […] Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest.« (Psalm 139,1+4, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Für manche Menschen hat das eher einen schrecklichen Klang, weil es für sie verbunden ist mit einem Gottesbild, in dem das Wahrnehmen noch der kleinsten Verfehlung mit harter Strafe geahndet wird.
Mit Blick auf das Johari-Fenster und mit Blick auf Jesus Christus finde ich das aber unglaublich tröstlich. Während ich mich noch nicht einmal selbst immer verstehe – von anderen ganz zu schweigen – blickt Gott bei mir tatsächlich durch. Er kennt mich. Er weiß, warum ich bin, wie ich bin. Er kennt mich besser als ich mich selbst.
Und all das hat ihn nicht dazu gebracht, sich kopfschüttelnd von mir abzuwenden. Sondern er hat seinen Sohn Jesus Christus in die Welt gesandt, um mir Heil zu schenken. Gerade weil er weiß, wie sehr ich das nötig habe. Gerade weil ihm deutlich ist, dass mir vieles in meinem Leben gar nicht bewusst ist und ich deswegen auch hoffnungslos daran scheitern würde, mein Leben selbst zu optimieren oder zu kurieren. Wie gut, dass es zumindest einen gibt, der alle vier Felder meines Johari-Fensters kennt – und mich liebt!
Christoph Barnbrock
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