Vor ein paar Tagen wurde mir ein Bild in meinen Instagram-Feed gespült. Darauf war ein Tattoo zu sehen, auf dem oben (auf Englisch) zu lesen war: »Jesus liebt uns alle«. Dann war ein Bild zu sehen. Und unten stand »Außer A****löcher«. Auf dem Bild zwischen den beiden Schriftzügen war Jesus mit Dornenkrone zu sehen, der über das Wasser geht und mit einem Fuß eine Person, offenbar einen der »A****löcher«, unter die Wasseroberfläche tritt.

Auf den ersten Blick scheint das plausibel zu sein. Unabhängig davon, wen man selbst für ein »A****loch« hält (ich nutze im Folgenden das etwas freundlichere und jugendfreiere Wort »Idiot«), will man ja nicht davon ausgehen, dass Menschen, die so oder so, in jedem Fall aber ganz anders als wir denken und handeln, auch etwas von Jesu Liebe abbekommen. Wenn ich sie – von meinem Standpunkt aus – für verabscheuenswürdig halte, dann werde ich ja schlecht sagen können, dass Jesus sie liebt.

Interessant ist nun allerdings, dass die Gruppe derer, die hier als »Idioten« beschrieben werden, je nach Standpunkt des Betrachters mit ganz verschiedenen Personenkreisen identifiziert werden könnten. Die Kulturkämpfe unserer Zeit bringen es ja mit sich, dass Menschen (unabhängig von der jeweiligen Verortung im weltanschaulichen Spektrum) relativ schnell dabei sind, andere nicht einfach nur als »Andersdenkende« wahrzunehmen, die trotz anderer Meinungen und Auffassungen vielleicht ja doch auch liebenswerte Personen sein könnten. Sondern es wird dann schnell schon die ganz große Keule geschwungen: Alles Idioten.

Das Grundproblem an diesem Tattoo ist nun, dass es nicht bei dieser Lieblosigkeit bleibt, die ohnehin schon zu beklagen wäre, sondern Jesus noch zum Gewährsmann für einen solchen Blick auf andere gemacht wird. Das Glaubensbekenntnis, das dann schnell nur noch übrig bleibt, ist: Liebenswert sind alle, die so sind wie ich. Und die anderen sind Idioten – und die wird Jesus ja nicht lieben können. Und so wird Jesu Liebe am Ende auf den Maßstab meines eigenen Liebenkönnens bzw. in diesem Fall eher Hassens runterskaliert.

Schaut man sich die Erzählungen der Evangelien an, könnte man allerdings glatt zu der Überzeugung gelangen, dass Jesus sich gerade denen zuwandte und die in besonderer Weise liebte, die von anderen für Idioten gehalten wurden: Zöllner und »Sünder«, Menschen, die als Samariter nicht unverdächtig schienen. Diejenigen dagegen, die dachten »Gott liebt alle, außer diese komischen Leute da…«, guckten angesichts dessen ziemlich dumm aus der Wäsche.

Nein, die Botschaft des Tattoos hat mit dem Jesus, der uns in der Bibel vor Augen gestellt wird, nichts zu tun. Es ist der große Trost, dass Jesus selbst die Menschen liebt, die wir für Idioten halten, – und auch die, die andere für Idioten halten (und zu denen ja, je nach Perspektive, auch ich gehören könnte…). Ja, und er liebt auch Menschen, die sich solche Tattoos stechen lassen – trotzdem.

»Jesus liebt uns alle« – das ist die Botschaft des Evangeliums, die wir ohne »außer« oder ohne ein »aber« in die Welt tragen dürfen. Und ja, wir dürfen uns auch darüber streiten, was verantwortliches Handeln und liebevolle Haltungen untereinander sind. Und wir dürfen uns auch ärgern über Menschen, die sich wie Idioten aufführen oder die sich solche misslungenen Tattoos stechen lassen. Aber selbst sie bleiben Menschen, die von Gott geliebt sind, bleiben Menschen, die Jesus Christus vor Augen hatte, als er für die ganze Menschheit ans Kreuz gegangen ist.

Kaum zu glauben, aber wahr – und immer wieder auch für mich ein riesiger Trost, dass ich mich nicht erst als »Nicht-Idiot« erweisen muss, bevor ich mir Jesu Liebe gewiss sein darf. An uns alle ergeht Jesu Wort, das Glauben schafft und uns einlädt, ihm zu vertrauen und so seine Liebe zu erfahren – und gerettet zu werden. Und ja, auch das gibt es tragischerweise: Menschen wenden sich auch von Jesus ab, erwidern seine Liebe nicht, verhalten sich lieblos und schlagen sein Heil in den Wind. Und doch: »Jesus liebt uns alle« – ohne »außer« und ohne »aber«.

»Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.« (Römer 5,10, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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