Unsere Zeit ist durch eine erhebliche Geschwindigkeit in unseren Lebensabläufen geprägt. Und das in Verbindung mit unzähligen Optionen, was mir machen und tun könnten. Inbegriff dessen sind zum Beispiel die Touristen, die innerhalb einer Woche »ganz Europa« bereisen: Berlin, Budapest, Rom, Paris, Barcelona, Lissabon … Aber für jeden Ort bleibt dann am Ende kaum mehr als ein Selfie vor den wesentlichen Sehenswürdigkeiten. »Schaut, ich war da.« Aber war ich »wirklich« da?
Ähnliches gilt häufig für unser Musikhören. Eine Playlist wird angeschaltet. Die Musik dudelt im Hintergrund vor sich hin. Irgendwie höre ich Musik – aber würde mich nachher jemand fragen, was ich gehört habe – ich könnte es nicht sagen. Die Töne rauschen an mir vorbei, ohne dass ich wirklich zuhöre oder geschweige denn, dass die Musik einen Eindruck hinterlässt.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Werk immer wieder beschrieben, dass die Beschleunigung unserer Gesellschaft und das »immer mehr« in einem Wiederspruch zu einem echten Erleben steht, das er mit dem Begriff »Resonanz« zu beschreiben versucht. Mit meinen Worten: Da klingt etwas in mir nach, da berührt mich etwas mehr als nur oberflächlich. Ist das bei Reisen wie »Europa in einer Woche« möglich? – Nicht auszuschließen, aber auch nicht sonderlich wahrscheinlich. Und die Musik, die im Hintergrund vor sich herdudelt? – Nein, die resoniert in mir nicht – anders als ein Konzert, das ich erlebe und das ganz anders auf mich wirkt.
Eine biblische Geschichte, in der sich ähnliches widerspiegelt, ist für mich diejenige vom »Barmherzigen Samariter«. Ein Mensch wird von Räubern halb tot geschlagen. Und dann kommen zwei Menschen – zwei fromme Menschen: ein Priester und ein Levit – vorbei, aber offenbar sind sie mit ihrem Kopf (und Herz) auf dem Weg schon ganz woanders, vielleicht beim Tempeldienst oder schon in Gedanken an zu Hause. Schnell, schnell, da muss ich hin. Bloß keine Verzögerung, bloß keine Komplikation. Und so rührt der Mensch, der da am Straßenrand liegt, sie letztlich nicht an. Sie gehen vorbei.
Vom Samariter, der sich schließlich um den Verletzten kümmert, heißt es dagegen: »Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.« (Lukas 10,33f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Dabei ist für mich das wesentliche Wort das Wort »jammern«. Zugegeben – ziemlich alt, nicht unser Wortgebrauch. Aber es drückt sich etwas darin aus, dass das, was ich wahrnehme nicht einfach außen an mir vorbeihuscht, sondern mich trifft und bewegt. Hier nimmt jemand etwas im Moment wahr und lässt sich dadurch in seinem Leben stoppen und seine Lebensabläufe verändern. Ich bin fest überzeugt: So ist unser Leben eigentlich gemeint, dass wir uns von der Natur, von Kunst und Musik, von anderen Menschen berühren lassen. Aber dafür ist wahrscheinlich immer wieder Entschleunigung dran. Eher weniger als mehr. An einem Ort sein. Musik bewusst hören. Hinsehen und hinhören, Menschen wirklich wahrnehmen und auf das reagieren, was ich da sehe und höre.
Im Wahrnehmen des Samariters in dieser Geschichte klingt übrigens auch etwas von Gottes Handeln an. Auch an ihm zieht das, was uns bewegt und wie es uns geht, nicht einfach vorbei: Sondern auch ihn rührt es an. Martin Luther kann in einem Lied dichten: »Da jammert Gott in Ewigkeit / mein Elend übermaßen; / er dacht an sein Barmherzigkeit, / er wollt mir helfen lassen«. Gut, dass Gott nicht auf einem Städtetrip zwischen Budapest und Lissabon ist und gar keine Zeit für mich hat, sondern, dass er mich tatsächlich sieht und es ihn anrührt, wie es mir geht – und er mir hilft.
Christoph Barnbrock
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