»Oh, nee, das ist mir jetzt echt ne Anfechtung«, sagen Menschen, wenn sie auf irgendetwas zugehen, wofür sie sich überwinden müssen. »Anfechtung«, das heißt in diesem umgangssprachlichen Sinn: Raus aus meiner Komfortzone. Etwas machen oder mich einer Sache stellen, die ich mir nie selbst ausgesucht hätte.

Bleibt man einmal beim unmittelbaren Wortsinn, ist das, was das Wort aussagt, ja auch wenig angenehm: Ein Mensch sieht sich einer Hieb- oder Stichwaffe (wie beim Fechten) ausgesetzt. Und natürlich ist das Allernormalste von der Welt, dass ich dem auszuweichen versuche. Und das mag genauso auch für Anfechtungen im Glauben gelten: Schwere Zeiten, die meinen Glauben herausfordern; Momente geistlicher Leere; Anfragen und Auseinandersetzungen, die mir zu schaffen machen.

Umso überraschender ist es, dass Martin Luther die Anfechtung neben dem Lesen in der Bibel und dem Gebet zu dem zählt, was einen Theologen zum Theologen und einen Christenmenschen zum Christenmenschen macht.

Was hier erst einmal überraschend klingt, erschließt sich aus seiner etwas freieren Übertragung von Jesaja 28,19, wie Luther sie in seiner Bibelübersetzung vorgenommen hat: »Denn alleine die Anfechtung lehret aufs Wort merken.« (Lutherbibel 1545). Die Erwartung, die hier zum Ausdruck kommt, ist ja die: Zeiten der Anfechtung führen mich nicht notwendigerweise von Gott weg, weil ich mich von ihm verlassen fühle, sondern führen mich neu zu ihm hin. Ich suche in Gottes Wort nach Halt, nach Trost, nach Wegweisung für den jetzt so mühsam gewordenen Lebensweg. Und ich suche ihn nicht nur, sondern er lässt sich genau dort auch finden.

Der Jakobusbrief kann es noch weiter zuspitzen: »Meine Brüder und Schwestern, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt« (Jakobus 1,2, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Auch hier ist die Erwartung, dass schwere Zeiten, Herausforderungen und Verunsicherungen am Ende den Glauben nicht schwächer, sondern stärker machen.

Zugegeben: Die Sache mit der »Freude« und den Anfechtungen bleibt mir erst einmal noch fremd. Zu sehr machen sie mir bisweilen zu schaffen und nehmen mir gerade die Lebensfreude. Aber dass solche Zeiten mich eben nicht automatisch von Gott wegführen, sondern er mir gerade in solchen Zeiten nahe ist und ich ihm, das lasse ich mir gerne gesagt sein.

Christoph Barnbrock


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