Zeitempfinden

Es gehört zu den weitverbreiteten Phänomenen, dass mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Was, schon wieder Ostern? Das hatten wir doch gerade erst! Und auch das schier unvermeidliche »Mensch, bist du groß geworden«, das ältere Menschen Personen aus ihrer Enkelgeneration entgegenbringen, ist ja ein Ausdruck davon: Du warst doch gerade noch ein Baby – und schon bist du einen Kopf größer als ich. »Wo ist nur die Zeit geblieben?«

Die Gründe für das veränderte Zeitempfinden sind wahrscheinlich vielfältig. Ein Grund dafür mag sein, dass das Leben älterer Menschen stärker von Routinen geprägt ist und weniger Neues seinen Platz darin findet als bei jungen Leuten zum Beispiel bis 25 Jahren, wo fast jedes Jahr einen Entwicklungssprung, ganz neue, andersartige Erlebnisse oder auch Möglichkeiten mit sich bringt, das Leben zu gestalten.

Manchmal kommt es zu Reibungen zwischen Jüngeren und Älteren – vielleicht auch deswegen, weil das Zeitempfinden ein anderes ist. So nehmen ältere Menschen wahr, wie ihnen die Zeit davonrennt und die Jüngeren kaum Zeit für sie zu haben scheinen. Und umgekehrt wundern sich jüngere Menschen darüber, welche Erwartungen ältere Menschen manchmal an sie haben, obwohl ihr Leben doch so vollgestopft ist und so viel zu gestalten und zu entscheiden und zu »leben« ist.

Mir geht es so, dass ich mit zunehmendem Alter manches besser verstehen kann, was mir in der Begegnung mit älteren Leuten früher fremd vorkam. Auch mein Zeitempfinden ändert sich. Zog sich als Kind die Adventszeit etwa ewig, bis es endlich Weihnachten wurde, habe ich jetzt oft den Eindruck, dass diese Zeit der Besinnung schon wieder vorbei ist, bevor sie überhaupt anfangen hat.

In der Bibel ist manchmal von einer »kleinen Zeit« die Rede, in der Christenmenschen Schweres zu tragen haben. Als junger Mensch habe ich mich gefragt, ob das nicht verharmlosende Rede ist. Wer ein ganzes oder fast ein ganzes Leben unter Schlimmem und Traumatischem zu leiden hat – wie soll es den trösten, dass dies angeblich nur eine »kleine Zeit« ist? Und so ganz werde ich diese Frage auch nicht los.

Mit zunehmendem Alter erschließt sich mir das aber eher. Ich sehe manches in der Welt, in meinem Leben, im Leben anderer, was unerträglich schwer ist. Und ich habe lernen müssen, damit umzugehen, dass dies nicht einfach wegzuzaubern ist. Aber ich nehme wahr, wie das Empfinden dahinfliegender Zeit auch einen Trost bereithält. Ja, die Zeit verrinnt gefühlt schneller. Und manches am damit verbundenen Älterwerden finde ich auch schwer. Und doch kann ich es heute besser nachempfinden, wenn im 1. Petrusbrief davon die Rede ist, dass das Leiden hier eine vergleichsweise kurze Zeit andauert, bevor in Christus eine riesengroße Freude auf uns wartet:

»Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen«. (1. Petrus 1,6, Lutherübersetzung 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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