Vor einigen Tagen hat mir ein Freund aus Studientagen diese unglaublich schöne Vertonung von Worten Dietrich Bonhoeffers zugeschickt:

Ich habe diesen Text als Jugendlicher erstmals wahrgenommen. Schon damals, als ich ihn bei einem Jugendtreffen erstmals hörte, hat er mich bewegt, sodass ich mich bis heute daran erinnern kann, wo das gewesen ist. Dass diese Worte eine solche Wirkung auf mich hatten, hat sicherlich auch mit der Person Dietrich Bonhoeffers, seinem Handeln und seinem Tod zu tun.

Jetzt haben mich diese Worte in dieser vertonten Fassung aber noch einmal ganz neu »erwischt« und angerührt. Das liegt zum einen an der meiner Wahrnehmung nach tatsächlich kongenialen musikalischen Umsetzung. Aber auch in den Worten habe ich etwas von dem wiederentdeckt, was mich immer wieder umtreibt: Dieses Auseinanderfallen von Außenwahrnehmung und Selbstwahrnehmung: »Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? / Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?«. Souveränität auf der einen Seite und auf der anderen Seite: »Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, / ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle […] Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen«.

Ja: »Wer bin ich? Der oder jener?« – Oder noch ein ganz anderer? Manchmal bin ich mir selbst fremd. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass andere mich gar nicht richtig kennen, sondern nur ein verzerrtes Bild von mir haben. Aber meine Kämpfe, mein Ringen, meine Unfertigkeiten, meine Hoffnungslosigkeiten und Ängste, aber auch das, was mir wichtig ist und woran ich mich halte, bleiben dahinter verborgen.

Faszinierend und tröstlich an den Worten Bonhoeffers finde ich, dass am Ende dieser Widerspruch und diese Spannung nicht aufgelöst werden, sondern aufgehoben werden in der Beziehung zu Gott: »Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. / Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!« Die Widersprüche und Risse, das Auseinanderklaffen von Schein und Sein – all das wird mich mein Leben lang wahrscheinlich begleiten. Aber am Ende kommt es nicht darauf an, wer ich aus mir heraus bin. Zum guten Schluss wird nicht ein vermeintlich stimmiges Gesamtkunstwerk meines Lebens zählen, sondern allein dies, dass Gott mich kennt – und ich (trotzdem) sein bin.

Mose spricht zu Gott: »Du [hast] doch gesagt: Ich kenne dich mit Namen, und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.« (2. Mose 33,12, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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