Fremdheitserfahrungen

Mit anderen Menschen machen wir immer wieder auch Fremdheitserfahrungen. Wenn jemand anruft, die Nummer nicht angezeigt wird und wir die Stimme des Gegenübers nicht gleich erkennen, weil sie verzerrt daherkommt. »Mensch, deine Stimme klang so ungewohnt!«. Oder wenn wir einer Freundin begegnen, die wir länger nicht gesehen haben. Kleidung, Frisur und Haarfarbe sind anders als früher. Das Gesicht trägt offensichtlich Spuren von herausfordernden Wegstrecken. »Jetzt hätte ich dich beinahe gar nicht erkannt!«

Dabei können es auch ganz nahe Menschen sein, die uns plötzlich fremd vorkommen. Der oder die andere reagiert in einer Weise, wie ich es nicht erwartet hätte. Und manchmal braucht es eine Weile und nicht zuletzt Gespräche, um zu verstehen, warum mein Gegenüber sich – aus meiner Perspektive – so merkwürdig verhalten hat.

Fremdheitserfahrungen haben aber auch immer damit zu tun, dass der andere eben nicht ich ist. So gut ich ihn oder sie auch kennen mag, wir sind doch nie identisch. Ich kann nicht in den Kopf eines anderen Menschen schauen. Und was mich bisweilen am Zusammensein mit einem anderen Menschen fasziniert, dass da jemand ganz anders ist, einen anderen Horizont mitbringt, kann mich dann auch wieder irritieren. Warum verhält der sich denn so?

Wer auch nur ein paar wenige Wegstrecken als Christenmensch im Leben mit Gott unterwegs ist, weiß, dass es auch Fremdheitserfahrungen mit Gott geben kann. Das mag mit Ereignissen zu tun haben, in denen ich den liebevollen Vater, den selbstlosen Erlöser und den himmlischen Tröster in meinem Leben nicht wiedererkenne. Das kann aber auch mit Bibelworten zu tun haben, in denen mir Gottes Stimme fremd und aus meiner Wahrnehmung verzerrt vorkommt – hart, unnachgiebig, verletzend.

Auch Menschen wie Martin Luther kannten diese Erfahrungen. So unterscheidet er etwa zwischen einem »fremden Werk« Gottes und seinem »eigentlichen Werk« oder auch zwischen Gott, der uns verborgen bleibt, und Gott, der sich uns verlässlich und erkennbar in seiner Liebe zuwendet. Und er kann davon reden, dass es dunkle Stellen in der Bibel gibt, die sich nur von den klaren Stellen der Heiligen Schrift erschließen lassen.

Was hilft in solchen Situationen? – Das, was uns auch im Alltag hilft: Im Gespräch bleiben. Beim scheinbar unbekannten Anrufer noch einmal nachfragen, bei der Person, die an mir vorbeigeht, noch einmal hingucken, sie ansprechen. Voneinander hören und die Fremdheitserfahrungen im Austausch überwinden. Für das Miteinander mit Gott würde das bedeuten: Die Kommunikation nicht abbrechen lassen, sondern hören, was er in seinem Wort zu sagen hat, und mit ihm reden – auch über das, was uns an ihm fremd erscheinen mag. Und dabei immer ausgehen von den Punkten, in denen besonders deutlich wird, wer Gott ist und wie Gott ist: Von der Anrede Gottes als Vater, wie wir sie aus dem Vaterunser kennen. Von der Liebe Gottes, die sich am Kreuz Jesu unüberbietbar zeigt. Vom Trost, der uns mit dem Heiligen Geist geschenkt ist. Und von dort aus dann auch die Seiten Gottes beleuchten, die uns vielleicht (noch?) fremd sind. Und uns eingestehen, dass wir als Menschen den unfasslichen Gott auch nie vollständig werden ergründen können.

»Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, / neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!« (Psalm 102,3, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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