Am kommenden Wochenende findet in Oberursel, der Stadt, in der ich lebe, wieder das sogenannte »Brunnenfest« statt. Es ist das große Stadtfest im Jahr. Neben kulturellen und kulinarischen Angeboten lebt das Fest von den Begegnungen, die in diesen Tagen möglich werden. Hier trifft man ziemlich sicher Leute, die man das Jahr über – oft unfreiwillig – aus dem Blick verloren hat. Es ist Gelegenheit, sich wieder »auf Stand« zu bringen und sich Anteil zu geben an dem, was einen bewegt. Sogar Oberurseler, die es inzwischen anderswohin verschlagen hat, kehren für diese Tage gerne in die Stadt zurück. Ein Fest im Zeichen der Begegnung.
In anderen Ländern, in denen die Wasserversorgung nicht in derselben Weise ausgebaut ist wie in Deutschland und es zur täglichen Arbeit gehört, Wasser von einem zentralen Brunnen zu holen, lässt sich Ähnliches beobachten. Der Brunnen ist dort nicht nur Ort der Wasserbeschaffung, sondern auch der Begegnung und des Informationsaustauschs. Während ich warte, ist Zeit mit den anderen zu reden, die neuesten Neuigkeiten zu erfahren und mir vielleicht auch das eine oder andere von der Seele zu reden.
Eine der bekannteren Brunnengeschichten der Bibel ist die von Jesus und der Frau, die einander in Samarien begegnen, wie sie uns im Johannesevangelium überliefert wird. Auch hier tritt das eigentliche Wasserholen schnell in den Hintergrund. Und das Gespräch gewinnt an Bedeutung. In typisch johanneischer Weise dürfen allerhand Missverständnisse nicht fehlen: Wenn etwa Jesus von sich als Lebenswasser spricht und die Frau ihre Chance wittert, sich ihren täglichen Gang zum Brunnen ersparen zu können (vgl. Johannes 4,13–15). Dabei sind es ganz grundsätzliche Lebensfragen, die in diesem Gespräch am Brunnen ausgetauscht werden: Es geht um Durst und Leben, um Scheitern und Schuld, um Verletzungen, die damit verbunden gewesen sind, und um Hoffnung, dass sich das, was jetzt nicht gut ist, doch zum Besseren wenden möge.
Die Geschichte endet auf eine kuriose Weise. Das Wasserholen am Brunnen tritt gegenüber dem Gespräch nicht nur in den Hintergrund, sondern verliert hier sogar gänzlich an Bedeutung:
»Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging hin in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!« (Johannes 4,28f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft)
So ist es diese Frau, die in der Gebrochenheit ihres Lebens eine Ahnung entwickelt, dass dieser Jesus aus Nazareth, der da vor ihr steht, der Messias sein könnte. Und sie teilt diese Ahnung mit anderen und sie nehmen sich ebenfalls die Zeit, auf Jesu Worte zu hören, – und so entsteht Glauben:
»Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen. Und sie sprachen zu der Frau: Nun glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.« (Johannes 4,41f.).
Christoph Barnbrock
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