»Ist ethisches Verhalten dem Menschen angeboren?«, so fragte vor einigen Tagen die Wochenzeitung »DIE ZEIT« ihre Leser und Interessenten in ihrem E-Mail-Newsletter. Die Antwortmöglichkeiten waren »Ja« und »Nein«. Ich habe nicht weiter verfolgt, wie das Ganze ausgegangen ist. Die Frage hat mich durchaus interessiert, allerdings hätte ich einem Studenten oder einer Studentin, die mit einer solchen Frage zu mir gekommen wäre, um darüber eine Seminararbeit zu schreiben, nahegelegt, erst einmal zu klären, was mit der Frage eigentlich gemeint ist. Was ist »ethisches Verhalten«? Und was heißt »angeboren«?
Wenn wir die Frage einmal so übersetzen »Handelt der Mensch immer schon (unabhängig von eigenem Erleben) eher lieblos oder liebevoll?«, dann ist die Frage immer noch nicht ganz einfach zu beantworten. Denn für beides gibt es Beispiele: Das Weinen eines Kindes löst wahrscheinlich bei den allermeisten Menschen – unabhängig von Religion und Erziehung – den Reflex aus, es zu trösten. Irgendwie scheint tatsächlich etwas in uns »drinzustecken«, was uns dazu bewegt, für andere da zu sein.
Auf der anderen Seite kennen viele die Szenen aus dem Sandkasten, wenn die Kinder sich über irgendein Förmchen in die Haare kriegen und sich lieblos mit einer Schippe einen auf die Mütze geben, bis ein Elternteil einschreitet und die beiden Streithähne (oder -hennen) trennt. Und das gilt auch für Kinder von ausgesprochen friedfertigen Eltern, bei denen die Kinder sich Gewalt als Lösung von Interessenkonflikten ganz gewiss nicht abgeguckt haben.
So lässt sich wahrscheinlich einmal mehr beides miteinander festhalten. Wir Menschen sind soziale Wesen und übernehmen auch Verantwortung füreinander – das ist etwas, was uns von Gott in die Wiege gelegt ist, was das Zusammenleben überhaupt erst ermöglicht und was der Menschheit auch durch den Sündenfall nicht komplett genommen ist. Aber apropos »Sündenfall«: Das andere gilt eben auch. Der Mensch ist nicht einfach von Grund auf gut. Das Durchsetzen eigener Interessen geht eben doch immer wieder auf Kosten anderer. Das Gleichgewicht in den Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu Gott ist gestört. Erst das Kreuz Jesu, dessen Querbalken einer austarierten Waage gleicht, bringt die Verhältnisse endgültig wieder ins Gleichgewicht.
Weil Jesus Christus für uns Verantwortung übernommen hat, können wir auch leichter und besser wieder Verantwortung für andere übernehmen – nie perfekt, nicht ohne auch wieder schuldig zu werden – aber eben doch immer wieder neu.
Jesus Christus spricht: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.« (Johannes 13,34, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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