Eins meiner Lieblingsbücher dieses Sommers ist »Mirabellentage« von Martina Bogdahn. Es bewegt sich irgendwo zwischen Don Camillo und Roadtrip, ernst und heiter, zum Weinen und zum ausgelassenen Lachen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Anna, die Haushälterin eines bayrischen Pfarrers, der zu Beginn des Buches das Zeitliche segnet. Schon bald kommt mit dem nordfriesischen Fridtjof ein junger Nachfolger ins Dorf und ins Pfarrhaus. Und in alledem dreht sich das Buch unter anderem auch um die Frage, was eigentlich der Platz von Anna ist, die sich ihr ganzes Leben in den Dienst der Gemeinde und des verstorbenen Pfarrers gestellt hat, mit dem sie seit Jugendzeiten befreundet war. Wie wird ihr Leben nun aussehen – unter veränderten Vorzeichen?
Nun ist dieser Impuls hier keine Buchbesprechung – und so greife ich nur eine wirklich vergnügliche Szene heraus. Als Fridtjof im Dorf ankommt, muss er sogleich auch den Sonntagsgottesdienst halten. Das Problem besteht nun aber unter anderem darin, dass sich sein Dialekt und die Mundart der Dorfbewohnerinnen und -bewohner derart voneinander unterscheiden, dass die Kommunikation nur schwer möglich ist.
Anna wäre nicht Anna, wenn sie nicht auch für diese Situation eine Lösung hätte. Und zwar erinnert sie sich daran, dass doch auch zu früheren Zeiten schon einmal auf Latein gepredigt worden ist. Und da Fridtjof direkt aus Rom angereist ist, legt sich doch nichts näher, als dass auch er auf Latein predigt. Und als Ersatz für eine Predigt gibt Anna dem neuen Gemeindepfarrer einfach einige Seiten aus einem italienischen Kochbuch mit – wohl wissend, dass keiner (naja, fast niemand) im Dorf Italienisch spricht und das Ganze von daher auch nicht auffliegen wird.
Eine Frau aus dem Ort, die allerdings nach einer schmerzhaften Erfahrung mit »Kirche« seit Jahrzehnten keine Gottesdienste mehr besucht hat, hatte allerdings für eine Zeit in Italien gelebt und nimmt nun – unerwartet – eben doch am Gottesdienst teil. Bei passender Gelegenheit bedankt sie sich beim Priester für die Predigt mit dem Hinweis, sie habe sie gleich nachgekocht.
Was für ein schöner Gedanke: Eine Predigt, die sich im Alltag »nachkochen« lässt, dort ihren Platz hat. Worte Gottes, die satt machen. Das, was ich gehört habe, zieht nicht einfach an meinen Ohren vorbei, sondern es wird verinnerlicht. Das, was hier als »Ulk« im Buch gedacht ist, lässt sich eben doch auch noch ganz anders hören.
Etwas ähnliches klingt nämlich in der Berufungserzählung des Propheten Hesekiel an, der aufgefordert wird, eine Schriftrolle zu essen: »Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.« (Hesekiel 3,3, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
So gesehen ließe sich durchaus davon reden, dass sich eine Predigt »nachkochen« lässt und das Wort Gottes – »gut geschmeckt« hat. Es zu verinnerlichen, weil es Kraft für jeden neuen Tag schenkt, lohnt sich allemal.
Christoph Barnbrock
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