Neulich schrieb mir ein Freund, dass ihm das Wort »harren« in besonderer Weise wichtig geworden sei. Das Wort kommt in einem Predigttext der letzten Wochen vor, mit dem auch ich mich für eine Predigt auseinandergesetzt hatte. Mir war in der Arbeit am Text aber anderes wichtig geworden, sodass ich gar nicht so sehr am »Harren« hängen geblieben war. Deswegen faszinierte mich diese Rückmeldung. Es lohne sich, dieses »Harren« in den Blick zu nehmen. Recht hat er!

Nun gehört das Wort »Harren« nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Am ehesten nutze ich es vielleicht noch im abgeleiteten Wort »beharrlich«. Vielleicht ist es auch typisch für unsere Zeit, dass das Wortfeld rund um den Begriff »Harren« kaum noch Verwendung findet. Unsere schnelllebige Zeit ist ja von Wechseln, von schneller Abfolge von Beginnen und Aufhören geprägt. Beharrlich an etwas dranzubleiben, es auch weiterzuführen, wenn sich Erfolge nicht einstellen oder Gegenwind aufkommt, fällt schwer.

Was aber meint »Harren« denn eigentlich? Wer handelt »beharrlich«? – Beharrliches Handeln ist ja nicht zu verwechseln mit Dickköpfigkeit. Ich denke an den Winternachmittag, als ich Kind war, an dem meine Mutter mich rausschickte. »Junge, jetzt wirklich, geh mal an die frische Luft!« Und ich hatte so gar keine Lust dazu, es waren auch keine Freunde verfügbar, mit denen man draußen etwas hätte machen können. Also zog ich missmutig meine Wintersachen an und begann auf der großen Wiese hinter unserem Haus stur auf und ab zu gehen – den ganzen Nachmittag von der einen zur anderen Seite und wieder zurück. Schön in Sichtweite meiner Mutter, damit sie mein dickköpfiges Verhalten auch bewundern konnte. Auch wenn ich an diesem Nachmittag eine erstaunliche Ausdauer in meiner Dickköpfigkeit an den Tag legte, war das nicht wirklich beharrliches Handeln.

»Harren« hat mit dem Wechselspiel von Hoffen und Warten zu tun und ist in der Bibel natürlich vor allem auf Gott gerichtet. Hoffen – also: Ich erwarte, dass das Gute, was Gott versprochen hat, kommt (wann und wie auch immer). Und ich warte: Ich gehe nicht weg, wende mich nicht anderem zu, sondern bleibe dran. Oft ist das ganz unspektakulär.

Im hebräischen Wort, das in unseren Bibeln mit »harren« übersetzt wird, steckt der Begriff »Schnur« drin. Und so öffnet sich vor meinem inneren Auge das Bild eines Hochseilakrobaten, der ein gespanntes Seil braucht, um vom Ausgangspunkt zum Ziel zu kommen. Würde man die Spannung des Seils lösen, wäre der Weg verstellt.

Auf Gott »harren«: Dranbleiben an ihm, auf ihn hoffen, warten. Nicht gleich aufhören, wenn ich nichts sehen kann. Die Spannung halten. Und Schritt für Schritt ihm entgegengehen – im Vertrauen darauf, dass er mich noch hält, selbst wenn ich falle.

»Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft« (Jesaja 40,31, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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