Der Brief der Korinther

Neulich las ich ein Buch zum Thema »Einsamkeit«. Die Autorin spielt darin mit der Zusammengehörigkeit der Größen »Liebe« und »Einsamkeit« und kommt in Sachen »Liebe« auch auf die berühmte Stelle im 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther zu sprechen:

»Sie [die Liebe] erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.« (1. Korinther 13,7, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Nun findet sich in der dazugehörigen Literaturangabe ein Stellennachweis, der einigermaßen unpräzise ist, vor allem aber angibt, dieses Zitat sei »dem ersten Brief der Korinther« (Anm. 4) entnommen. Irgendetwas zwischen bildungsbürgerlichem Hochmut und theologischer Arroganz brachte mich zunächst einmal dazu, an dieser Stelle ganz gehörig die Nase zu rümpfen. Das müsse man denn dann ja vielleicht doch wissen, dass der 1. Korintherbrief nicht von den Korinthern verfasst ist, sondern vom Apostel Paulus.

Aber während ich noch so fröhlich am Naserümpfen war, schlichen sich auch andere Überlegungen ein. Erst einmal die, dass es nicht hilfreich ist, mich bei einem Fehler anderer gleich über sie zu erheben. Wie viele kleinere und manchmal auch etwas größere Fehler finden sich in meinen eigenen Veröffentlichungen – und ich bin dankbar, wenn der Mantel des Schweigens darüber gelegt wird. Mit der Liebe, wie Paulus sie beschreibt, hatte mein Verhalten jedenfalls nichts zu tun.

Und dann brachte mich diese Formulierung, die mir zunächst fremd war, doch ins Nachdenken. Irgendwie stimmt es ja, dass dieser Brief der Brief »der Korinther« war. Sie hatten ihn bekommen. Sie haben ihn, unbeschadet der Abschriften, die sie wohl angefertigt haben, vielleicht auch aufbewahrt. Er gehörte ihnen, war an sie gerichtet. Für sie hatte sich der Apostel die Mühe und Arbeit des Briefeschreibens gemacht. Und wäre die Christengemeinde in Korinth nicht so gewesen, wie sie gewesen ist (keineswegs eine Vorzeigegemeinde), dann hätten wir heute auch diesen Brief nicht. Irgendwie sind sie neben dem Schreiber Paulus eben doch auch Mitursache des Briefs – und ja, auch so gesehen ist es dann tatsächlich »ihr« Brief.

Aus dem Naserümpfen wurde jedenfalls wieder ein neues Staunen darüber, wie Gottes Kommunikation mit uns Menschen funktioniert. Es ist eben keine Einbahnstraße, auf der einer dem anderen etwas sagt – und gut ist. Sondern es ist ein lebendiges Kommunikationsgeschehen. Fragen und Probleme werden aufgenommen und in einem Brief beantwortet. Menschen reagieren wiederum auf den Brief, verstehen ihn in dieser oder jener Weise, nehmen sich das eine zu Herzen und überlesen das andere. Ja, alle haben sie an dieser Kommunikation teil und prägen sie. Und wenn ich heute diese Worte von der ertragenden, glaubenden, hoffenden und duldenden Liebe lese und sie mich daran erinnert, dass ich besser doch nicht so hochnäsig sein sollte, nur weil jemand anderes einen (vermeintlichen) Fehler macht, dann wird dieser Brief irgendwie auch zu meinem Brief.

Christoph Barnbrock


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