»Verzichten« gehört zu den Einstellungen und Verhaltensweisen, die heute nicht sonderlich populär sind. Auf etwas zu verzichten, auf das ich ein Anrecht habe – warum sollte ich das tun? Allenfalls verzichten Menschen auf einen Erbanspruch, wenn sie nicht so richtig wissen, ob ihnen mit dem Erbe vielleicht mehr Scherereien und Schulden ins Haus stehen als Gewinn.
Aber einfach so verzichten – einen Schritt zurücktreten, nicht alles mitnehmen, was ich kriegen kann? – Für viele Inbegriff von Dummheit.
Allerdings ist der Verzicht auf den eigenen Anspruch, auf das eigene Recht, das ich in jedem Fall durchsetzen will und muss, durchaus eine christliche Haltung. Am deutlichsten wird es vielleicht in den Mahnungen der Bergpredigt, wenn Jesus etwa sagt:
»Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.« (Matthäus 5,40, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Dabei spricht aus diesen Worten auch eine unglaubliche Freiheit. Wer in der Lage ist zu verzichten, klebt nicht an dem, worauf er verzichtet, sondern ist in der Lage, einen gesunden Abstand und ein angemessenes Maß an Distanz zu ihnen zu halten. Ich kann meine Beziehung zu den Dingen, auf die ich verzichte, einsortieren in ein größeres Ganzes: in mein Verhältnis zu Gott, zu meinen Mitmenschen, zu mir selbst. Welcher Umgang mit dem, was ich habe oder mir wünsche, ist gut und welcher eben auch nicht?
Dass solche Freiheit zum Verzicht nicht in erster Linie Anspruch, sondern vor allem eine Gabe im Christenleben ist, lässt sich daran erkennen, dass der Apostel Paulus gerade das als etwas Wesentliches benennt, was Jesus Christus für uns getan hat:
»Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub [= wie etwas Geraubtes krampfhaft fest, CB], Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.« (Philipper 2,6f.).
Jesu Verzicht darauf, mit der menschlichen Not nichts zu tun haben zu müssen, ist die Grundlage dafür, dass ich Frieden mit Gott finde. Und dieser Verzicht Jesu macht auch mich frei zu Verzicht, weil ich mich von Gott ja längst reich beschenkt weiß. Und es lässt sich immer wieder auch erleben, dass es viel segensreicher ist zu verzichten, als krampfhaft auf dem zu bestehen, worauf wir ein Recht zu haben meinen.
Christoph Barnbrock
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