Wenn etwas schief gelaufen ist, wird häufig ein »Sündenbock« gesucht. Irgendwer muss die Verantwortung übernehmen, seine Stelle räumen. Dabei muss die Person, die es trifft, nicht unbedingt die sein, die tatsächlich hauptverantwortlich ist für den Schaden. Oftmals muss jemand stellvertretend die Konsequenzen für ein Verhalten tragen, dessen Verantwortung eigentlich bei jemand anderem lag.

Zu den schlimmen gesellschaftlichen Dynamiken, die sich zu vielen Zeiten in den unterschiedlichsten Kulturen finden lassen, gehört das Abstempeln bestimmter Bevölkerungsgruppen als »Sündenböcke«. Dieser oder jener Gruppe wird dann die Schuld gegeben, dass es in der Gesellschaft bergabzugehen scheint, dass dieses oder jenes Problem vorliegt. Und wenn man die Angehörigen dieser Gruppe dann hinreichend verfolgt, gedemütigt oder ausgeschlossen hat, stellt sich bisweilen bei den Agierenden der Irrglaube ein, damit hätte nun alles wieder seine gute Ordnung.

Das biblische Konzept vom »Sündenbock«, der am Großen Versöhnungstag in die Wüste geschickt wurde, sieht dagegen ganz anders aus. Hier kommt es gerade nicht zu einem Gegeneinander der Selbstgerechten auf der einen Seite und den zu Sündenböcken Gemachten auf der anderen. Sondern hier bekennt sich das ganze Volk Gottes schuldig. Jeder übernimmt Verantwortung. Keiner kann sich herausnehmen. Und alle erkennen an, dass auch sie es nötig haben, dass ihre Sünden gesühnt werden. Und symbolisch übernimmt dann der Bock die Sünde aller:

»Dann soll Aaron seine beiden Hände auf dessen Kopf [= des Bockes, CB] legen und über ihm bekennen alle Missetat der Israeliten und alle ihre Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und soll sie dem Bock auf den Kopf legen und ihn durch einen Mann, der bereitsteht, in die Wüste bringen lassen, dass also der Bock alle ihre Missetat auf sich nehme und in die Wildnis trage; und man schicke ihn in die Wüste.« (3. Mose 16,21f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Für Christinnen und Christen ist der Karfreitag der »Große Versöhnungstag« geworden. Hier ist Jesus Christus derjenige geworden, der alle Missetat, alle Schuld und Sünde auf sich genommen hat, um sie wegzutragen. Nur dass er nicht in der Wüste des Todes geblieben ist, sondern er ist ins Leben zurückgekehrt, um uns ins Leben zu führen.

Wer um diesen »Sündenbock« weiß, der die Sünden der Welt getragen hat und auch für mich tragen musste, hat keinen Grund mehr, in anderen Menschen »Sündenböcke« zu suchen und zu finden. Vielmehr kann ich im anderen den Menschen entdecken, der wie ich darauf angewiesen ist, dass Gott ihm um Christi willen vergibt. Da bin ich nicht besser als andere, und andere sind nicht besser als ich. Da sind wir uns ganz nah.

Christoph Barnbrock


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