Das Buch, das ich gerade am Wickel habe, lese ich auf Englisch. Es war als englisches E-Book deutlich günstiger als das deutsche. Und so habe ich mich entschlossen, mal wieder fremdsprachig zu lesen. Nun bin ich im Englischen so bewandert, dass ich ganz gut durch das Buch durchkomme, ohne ständig Vokabeln nachschlagen zu müssen. Und trotzdem merke ich, dass ich das Buch anders lese als Bände auf Deutsch.
Ich komme nicht ganz so schnell voran wie bei deutschen Büchern, fliege nicht so sehr über die Seiten, sondern »lese« tatsächlich stärker Wort für Wort. Dadurch nehme ich das, was ich lese, intensiver wahr und bin mehr drin in der Geschichte. Die Fremdheit der Sprache führt also gerade nicht dazu, dass mir das Gelesene nicht nahekommt, sondern ganz im Gegenteil: Ich tauche noch viel intensiver ein.
Ähnliches nehme ich wahr, wenn ich biblische Texte im Urtext lese. Hier brauche ich im Normalfall Wörterbücher oder ähnliche Tools als Unterstützung. Aber auch hier hilft mir die Fremdheit des Hebräischen oder Griechischen, über mir vertraute Texte nicht einfach schnell hinwegzulesen und zu denken »Ja, stimmt, kennst du ja«, sondern sie noch einmal ganz neu und viel intensiver wahrzunehmen. Und ich merke immer wieder, wie sich mir diese Texte noch einmal ganz neu erschließen – so als würde man sich bei einem Gericht oder einem Getränk die Zeit nehmen, es ganz genau wahrzunehmen und immer neue Geschmacksnuancen zu entdecken.
So bin ich einerseits fest davon überzeugt, dass es gut ist, eine Bibelübersetzung zu haben, in der ich »zu Hause« bin, aus der mir bestimmte Verse im Ohr sind und die sich bei mir durchs Immer-wieder-Lesen und Immer-wieder-Hören weiter einschleift. Andererseits kann es aber gerade auch für langjährige Bibelleserinnen und -leser eine Hilfe sein, einmal ganz bewusst eine andere Übersetzung zur Hand zu nehmen oder eben auch die Bibel einmal in einer vertrauten Fremdsprache zu lesen. Gut möglich, dass sich das Bibellesen dabei noch einmal verändert und sich manche Bibelworte noch einmal von einer ganz neuen Seite zeigen und eben auch so ihre Kraft für unser Leben entfalten.
»Alle Worte Gottes sind im Feuer geläutert; er ist ein Schild denen, die auf ihn trauen.« (Sprüche 30,5, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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