Küssen ist gesund! Es baut Stress ab, stärkt das Immunsystem und sorgt für Glücksgefühle. Paartherapeuten raten daher, viel zu küssen. Die Therapeuten John und Julie Godmann haben herausgefunden, dass regelmäßige 6-Sekunden-Küsse für Paare wahre Wunder bewirken können. (https://www.brigitte.de/liebe/psychologie–wie-der-6-sekunden-kuss-deine-beziehung-staerken-kann-13508212.html)
Küsse können aber auch sehr verletzen. In angeheiterter Stimmung mit einer fremden Person herumzuknutschen, hat schon manche Beziehung in eine Krise gestürzt. Ein Kuss ohne Gefühl, nur aus Routine und Pflicht, kann beim Gegenüber tiefe Enttäuschung auslösen. Der verräterische Judaskuss ist weltberühmt geworden.
In dem Lied »Der letzte Kuss« singt Campino, Sänger der »Toten Hosen«, von der Macht des Küssens und den schwierigen Seite der Liebe:
»Wann ist die Zeit für einen ehrlichen Kuss, / der all unsere Lügen auslöschen muss? / Gib mir die Zeit für einen ehrlichen Kuss, / so wollen wir uns küssen, wenigstens am Schluss. / Es wird ein Kuss sein, der alles verzeiht, / der alles vergibt und uns beide befreit. / Du musst ihn mir schenken, ich bin zwar ein Dieb, / doch gestohlen ist er wertlos und dann brauch‘ ich ihn nicht.«
Was für eine romantische Vorstellung: ein wirklich ehrlicher Kuss! Ein Kuss, bei dem ich mich nicht länger verstecken muss, meine Fehler und hässlichen Seiten offen zeigen darf. Und gleichzeitig spüre ich, wie mein Gegenüber den Kuss wirklich erwidert. Ich werde, so wie ich bin, akzeptiert und geliebt.
Kann es einen so ehrlichen Kuss wirklich geben? Campino scheint ihn bis jetzt noch nicht gefunden zu haben. Denn er beschreibt im Song, wie schwer das Lieben manchmal ist:
»All denen, / die uns am nächsten steh’n, / tun wir am liebsten weh. / Und die Frage, warum das so ist, / bleibt unser Leben lang steh’n.«
Das ist nicht nur eine Schwierigkeit bei Liebespaaren. Es scheint ein prinzipielles Problem zu sein, dass wir an anderen schuldig werden und dem nicht entkommen können:
»Irgendwann, / kommt für jeden der Tag, / an dem man für alles bezahlt. / Dann stehen wir da, / denken wie schön es mal war, / bereuen unsere Fehler, hätten gern alles anders gemacht, / hätten all unsere Boshaftigkeiten niemals getan.«
Und so geht es bei dem »ehrlichen Kuss« um mehr als um Romantik und Schmetterlinge im Bauch:
»Es wird ein Kuss sein, der alles verzeiht, / der alles vergibt und uns beide befreit.«
Das klingt weniger nach Liebeslied, sondern eher wie ein Gebet! Hier geht es auf einmal um die tiefe Sehnsucht nach Vergebung, Freiheit und Lebenssinn. Und Campino spürt, dass er das selbst nicht machen kann:
»Du musst ihn mir schenken, ich bin zwar ein Dieb, / doch gestohlen ist er wertlos und dann brauch‘ ich ihn nicht.«
Kann es sein, dass Campino hier nur vom Küssen singt, sondern auch von seiner Suche nach Gott? Müssen wir so ehrlich mit uns selbst sein, dass ein Kuss von einem anderen Menschen, unsere tiefe Sehnsucht nach Annahme und Vergebung gar nicht stillen kann?
Tatsächlich gibt es eine Stelle in der Bibel, in der Gottes Nähe ganz nach Campinos ehrlichem Kuss klingt:
»Ich will hören, was Gott zu sagen hat. […] Ja, seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören. Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land: Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.« (Psalm 85,9f., BasisBibel, © Dt. Bibelgesellschaft).
Simon Volkmar
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