Manchmal gibt es Redensarten, deren Sinn sich (jedenfalls mir) nicht unmittelbar erschließt. Da gibt es etwa die Redewendung, es sei eine »unchristliche Zeit«, wenn man sich zum Beispiel morgens sehr früh verabredet, um mit dem Zug irgendwo hinzufahren. Aber – so ließe sich fragen – ist es denn besonders »christlich«, lang zu schlafen, sodass ein frühes Aufstehen als »unchristlich« gelten würde? Und jemand anders mag einwerfen: Wäre es nicht ganz im Gegenteil eine christliche Tugend, die Zeit, die Gott uns geschenkt hat, auszukaufen und eben nicht einfach lang im Bett rumzuliegen?
Die von mir zu dieser Frage konsultierte KI verweist mich unter anderem auf die Bedeutung der Strukturen von Tag und Nacht, die u.a. durch Morgen- und Abendleuten angezeigt wurden. In Zeiten, in denen es noch kein elektrisches Licht gab, war dieser Rhythmus für die Menschen noch viel bedeutsamer als für uns. Was getan werden musste, konnte nur tagsüber geschehen. Und die Nacht war umgekehrt die Zeit für Besinnung und Erholung. Wer die Nacht zum Tage machte, hatte nicht selten auch Dinge im Sinn, die vor anderen verborgen bleiben sollten. Und wer nachts nicht schlief, hatte Probleme, tags das zu tun, was dran war.
Die Rede von der »unchristlichen Zeit« hatte also vor allem den Sinn auszudrücken, dass hier etwas gegen die natürliche Ordnung der Dinge lief. Und hinzu kam, dass die Bildwelt von Tag und Nacht, von Licht und Finsternis biblisch ja auch in übertragenem Sinn aufgeladen ist: Christus als das Licht der Welt. Und die Finsternis als Raum unerlösten Lebens.
So spricht am Ende weder etwas dagegen, vor dem Hahnenschrei aufzustehen oder länger zu feiern, noch dagegen, an einem freien Tag auch einmal richtig auszuschlafen. Aber dass der Wechsel von Tag und Nacht ein Gottesgeschenk ist und das Tageslicht kostbar ist, fällt uns gerade in dieser Zeit, in der die Tage wieder kürzer werden, wieder stärker auf. Und dieses Tageslicht kann uns immer wieder auch an das Licht der Welt, Jesus Christus erinnern.
Jesus Christus spricht: »Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.« (Johannes 9,5, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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