Wie wir die Nacht wahrnehmen, hängt von vielen Faktoren ab. Ob wir sie als bedrängende Finsternis wahrnehmen, hat zum Beispiel damit zu tun, ob wir uns in einer hell erleuchteten Stadt oder in einem unwegsamen Waldgelände weitab jeder Zivilisation bewegen. Ob wir das Unterwegssein in der nächtlichen Natur genießen können und entdecken, wie unsere Augen sich langsam an die Sichtverhältnisse gewöhnen oder ob wir es mit der Angst zu tun bekommen, hat auch etwas mit unseren eigenen Erfahrungen im Dunkeln zu tun. Und schließlich gibt es Lebewesen, die nachts besonders gut, und solche, die nachts eher schlecht sehen können (der Mensch gehört im Gegensatz etwa zur Eule zu letzteren).

Nacht ist also nicht gleich Nacht – jedenfalls nicht für alle gleich. Überträgt man das Bild der »Nacht« auf Situationen im Leben, in denen Menschen nicht weiterwissen, sie Angst haben, der Durchblick fehlt, dann kann diese Erkenntnis durchaus ein entlastender Gedanke sein: Nacht ist nicht gleich Nacht – jedenfalls nicht für alle gleich. Und nur weil ich den Weg im Dunkel nicht sehen kann, heißt es noch lange nicht, dass es keinen gibt und dass er nicht zu entdecken wäre.

In Psalm 139 stellt der König David ähnliche Gedankenspiele an: »Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.« (Psalm 139,11f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Im unmittelbaren Zusammenhang ist zunächst damit gemeint, dass es keinen Zweck hat, Gott etwas vorzumachen oder sich vor ihm zu verstecken. Eine Erinnerung, die immer wieder hilfreich ist, damit wir mit Gott wirklich transparent umgehen und nicht so tun, als könnten oder müssten wir ihm immer nur unsere Schokoladenseite präsentieren.

Aber das andere gilt aber eben doch auch: dass Gottes Nachtsichtfähigkeiten ein großer Trost sind. Wir gehen Gott nie verloren, weil er uns leider gerade nicht sehen könnte. Die Dunkelheiten unseres Lebens hat er längst schon durchschaut. Ja, mit Jesus Christus, dem Licht der Welt, hat er sie ausgeleuchtet. Und wo wir keinen Weg mehr wissen, weil wir im Dunkeln sitzen und alles ausweglos zu sein scheint, hat Gott doch längst schon einen Weg für uns. Und so endet dieser 139. Psalm eben auch mit diesen Worten: »Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.« (Psalm 139,24).

Daran will ich denken, wenn es wieder einmal dunkel in meinem Herzen wird, ich nicht weiterweiß und mich die Angst beschleicht. Ich habe einen Gott mit Nachtsichtfähigkeiten an meiner Seite.

Christoph Barnbrock


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