Letztens predigte in meiner Gemeinde der Pfarrer über das Kreuz. Und dabei stellte er einen Aspekt heraus, den ich bislang so noch gar nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Nun weiß ich, dass viele unserer Kreuzesdarstellungen nicht unbedingt »historisch exakt« sind – schon gar nicht bei denen aus der Zeit der Romanik, die Jesus Christus dort bereits als den siegreichen König darstellen. (Nebenbei gemerkt: Kreuzesdarstellungen dürfen selbstverständlich auch jeweils eigene Akzente setzen – sie sind ja keine Tatortfotos sondern Kunst).

Aber ein Aspekt, der in der Predigt vorkam, war mir tatsächlich neu – und gleichzeitig sofort unmittelbar einleuchtend, dass nämlich die Kreuze selbst wahrscheinlich viel krummer und unansehnlicher waren, als wir das von den Darstellungen, die uns vertraut sind, kennen. Jesu Kreuz wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gerade gewesen sein, nicht an allen Seiten zurechtgesägt und abgeschliffen, nicht Längs- und Querbalken schön im rechten Winkel verbunden, sondern es wird irgendein krummer Pfahl gewesen sein, an dem man irgendeinen schiefen Ast montiert hat. Denn richtig verarbeitetes Holz wäre gewiss viel zu kostbar für solch eine Sache wie eine Hinrichtung gewesen.

Nun ist es sowieso immer herausfordernd, über den Kreuzestod Jesu nachzudenken. Er ist zu sperrig für unser Alltagsdenken bei einer Tasse Kaffee in der Hand – frei nach dem Motto: »Ach, stimmt, das war ja auch noch!« Und wenn dann das Folterwerkzeug selbst auch noch krumm und schief ist, dann wird es ja im wahrsten Wortsinn noch »schräger«.

Und doch passt das vielleicht am Ende dann doch besonders gut. Weil mir so vor Augen steht oder vor Augen stünde, dass tatsächlich all das, was in meinem Leben krumm und schief ist, was sich als schräg herausstellt, was nicht geschliffen und perfekt verarbeitet ist, seinen Platz am Kreuz findet: von Jesus erlitten und von ihm durchlitten und von ihm am Ende so auf sich genommen, dass es aufgehoben ist in seine Vergebung.

Unter dem Gegenteil des Hässlichen bricht sich hier göttliche Schönheit Bahn. Unter dem Gegenteil des Irrsinnigen, das hier zu beobachten ist, lässt sich Gottes Kraft entdecken. Unter dem Schrägen beginnt der Weg, der geradewegs zu Gott führt.

»Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.« (1. Korinther 1,18, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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