An unserer Badezimmertür im Erdgeschoss hängen allerlei Postkarten mit unterhaltsamen Sprüchen, die ich entweder auf irgendeiner Reise mal entdeckt habe oder die wir von anderen geschenkt bekommen haben. Eine Zeit lang war das ein großes Ding, aber irgendwann war die Tür vollgeklebt – vielleicht doch ein hinreichendes Signal, sich jetzt mal anderem zuzuwenden.
Einer der markanten Sprüche von diesen Karten lautet: »Freu dich nicht zu spät!«. Dabei nimmt er offensichtlich die Redewendung »Freu dich nicht zu früh!« auf, die davor warnt, sich etwa bei einem Spiel zu früh als Sieger zu wähnen, um dann am Ende festzustellen, dass jemand anderes noch an einem vorbeizieht. Deswegen: »Freu dich nicht zu früh!«
Wird »Freu dich nicht zu früh!« allerdings zur verinnerlichten Lebenseinstellung, kann es das ganze Leben blockieren. Wann immer es Grund zum Jubeln und zur Begeisterung gibt, sagt die Stimme im Hinterkopf: »Freu dich nicht zu früh!«. Wer weiß, was noch kommt. Wie gewonnen, so zerronnen. Lieber erst gar nicht freuen, dann muss man sich nachher auch nicht ärgern. So aber kann einem glatt die Lebensfreude überhaupt verloren gehen, weil man ja nie weiß, ob man sich bei diesem oder jenem Anlass zur Freude zu früh freut.
Dem versucht die Postkarte nun also mit ihrem »Freu dich nicht zu spät!« entgegenzusteuern, mit der Erinnerung daran, dass ich ja vielleicht auch Lebensfreude verpasse, wenn ich immer meine, ich müsste sie unterdrücken, weil ja womöglich noch irgendetwas passiert, was die Freude als ungerechtfertigt entlarvt. Und vielleicht ist es tatsächlich eine ganz gesunde Lebenseinstellung, sich lieber einmal zu oft als einmal zu wenig zu freuen.
Der Apostel Paulus hat ebenfalls Sprüche geschrieben – nicht auf Postkarten, sondern auf Papyrus. An die Gemeinde in Philippi formulierte er dabei nicht: »Freu dich nicht zu früh!«, allerdings auch nicht: »Freu dich nicht zu spät!«, sondern noch anders: »Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!« (Philipper 4,4, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Auch der Apostel steht nicht auf der Freudenbremse, sondern ruft zur Freude auf – allewege, also: immer. Dass man sich zu früh freuen könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn, weil der Grund zur Freude Jesus Christus ist. An ihm kann man sich gar nicht zu früh freuen. Mit ihm und wegen ihm und durch ihn gibt es immer einen Grund zur Freude, selbst »in allem Leide«, weil seine Liebe und sein Ostersieg feststehen. So ist es ausgeschlossen, dass jemand um die Ecke kommt und uns sagt: »Ätschi, zu früh gefreut!«. Ganz im Gegenteil – Paulus wiederholt es sogar noch einmal: »und abermals sage ich: Freuet euch!«.
Christoph Barnbrock
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