Vor einer Weile habe ich das Buch »Strandgut« von Benjamin Myers gelesen. Im Mittelpunkt steht Earlon »Bucky« Bronco. Im frühen Erwachsenenalter hatte er kurz einen Moment als gefragter Soulsänger, bevor das Leben ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Mit seinem Bruder geriet er in eine Schlägerei. Einer der Beteiligten kam dabei unglücklich ums Leben, sein Bruder ins Gefängnis (wo er auch starb). Und mit der Musikkarriere von Bucky war es vorbei. Keiner wollte ihn mehr hören.
Hinter ihm liegt nun ein Leben mit Hochs und vor allem auch Tiefen. Das große Glück seines Lebens war seine Ehe. Allerdings ist seine Frau vor knapp einem Jahr verstorben, sodass Bucky selbst dieser Halt weggebrochen ist. Er ist einfach alt, gebrechlich und medikamentenabhängig.
In dieser Situation erreicht ihn nun eine Einladung zu einem Soul-Festival in England. Bucky kann es kaum glauben, aber die angebotene Gage und die Gelegenheit, den ersten Todestag seiner Frau nicht zu Hause verbringen zu müssen, veranlassen ihn dazu, sich tatsächlich auf den Weg zu machen und erstmals ins Ausland zu reisen. Dort stellt sich heraus, dass in England und überhaupt in Europa die wenigen Songs, die er überhaupt veröffentlicht hat, Kultstatus erreicht haben, ja mehr noch: Ein Song ist inzwischen gesampelt und in einem Blockbusterfilm verwendet worden. Von all dem hatte Bucky nichts mitbekommen, weil er seit dem Tod seines Bruders zurückgezogen gelebt hatte.
Und nun entdeckt er staunend und ungläubig, wie viele Menschen seine Musik erreicht hat. »Wie bitte? Menschen hören meine Musik? Kaum zu glauben!«
Mich erinnert das an das Gleichnis vom Weltgericht aus Matthäus 25,31–46, in dem der König den »Gerechten« sagt, wie sie sich um ihn gekümmert hätten. Und sie fragen nur etwas verwirrt: Wie bitte? »Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben?« (Matthäus 25,37, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Und der König antwortet: »Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« (V. 40).
Auch hier ein Staunen darüber, dass das scheinbar alltägliche und unspektakuläre Handeln, das, was schnell wieder vergessen war, doch einen ganz anderen Wert hatte, als die Einzelnen es selbst wahrgenommen hatten. So stellt sich manchmal heraus, dass ein längst vergangener Song Menschen noch Jahrzehnte später berührt, oder ein liebevolles Wort oder eine helfende Tat am Ende etwas ist, was Gott selbst getan ist.
Christoph Barnbrock
Entdecke mehr von Team Gott
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
