Zu den Büchern, die ich in letzter Zeit wirklich gerne gelesen habe, gehört »Solange ein Streichholz brennt« von Christian Huber. Es ist die Geschichte einer Fernsehjournalistin (Alina) und eines Obdachlosen (Bohm), die einander begegnen und immer neue Facetten voneinander kennenlernen.

Eine der Fragen, denen der Roman nachgeht, ist die, wie es eigentlich passiert, dass ein Mensch, der vorher ein bürgerliches Leben geführt hat, auf der Straße landet. Ohne an dieser Stelle zu viel spoilern zu wollen, ist die Antwort im Fall von Bohm: Es ist ein Mix aus eigenen traumatischen Erfahrungen, Überforderung, scheinbar unentrinnbarer Schuld und unglücklichen Umständen.

Und was bleibt, ist dann die Flucht aus dem bisherigen Leben – auf die Straße. Anders als andere Formen der Flucht (wenn ich vor Feuer, einem Angreifer oder aus einem Land mit einer unmenschlichen Regierung fliehe) führt diese hier allerdings nicht wirklich in die Freiheit. Mit Alkohol und anderen Betäubungsmitteln kann Bohm seine Gefühle und Erinnerungen zwar wegdrücken, aber seine Geschichte bleibt ja doch seine Geschichte und die Erfahrungen, die er gemacht hat, seine Erfahrungen.

Was wäre aber die Alternative, wenn mein Leben so demoliert ist, dass mich nur dafür schämen kann und nicht weiterweiß, andererseits aber Weglaufen keine wirklich sinnvolle Option ist? – Es ist der Wechsel der Perspektive: Nicht mehr »weglaufen von« – sondern »fliehen zu«.

Schlimmes, auch selbstverschuldetes Elend, wird dann erträglich und tragbar, wenn ich damit nicht alleine bleibe, sondern jemand bei mir ist, an meiner Seite – ja und auch davon erzählt die Geschichte von Alina und Bohm. Dass jemand mir hilft, mich meiner Geschichte zu stellen, und auch das für mich tut, was ich selbst nicht aus eigener Kraft schaffe. Jemand, der dableibt, obwohl ich mir nicht liebenswert vorkomme.

Es gibt eine Bitte eines Psalmbeters, die sich an Gott wendet und ihn als einen solchen »jemand« anspricht, zu dem er fliehen kann. Und wir haben als Christinnen und Christen die Gewissheit, dass Gott sich so anreden lässt und sich genau so an unsere Seite stellt: »Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.« (Psalm 71,3, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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