Zu den Andachtsformen, die mich in meiner Jugendzeit geprägt haben, gehören neben den verschiedenen Gebetsformen, die ich bei Jugendfreizeiten kennengelernt habe, auch die Tagzeitengebete der Kirche, vor allem die Mette am Morgen, die Vesper am Abend und die Complet als das (kurze) Gebet zur Nacht.

Dabei ist mir die vergleichsweise kurze Form der Complet mit ihrem wechselseitigen Sündenbekenntnis, das ich bis dahin nicht kannte, dass der Liturg der Gemeinde ebenso seine Sünden bekennt wie die Gemeinde vor dem Liturgen, ganz besonders lieb gewesen.

Wirklich ganz am Ende des Tages noch einmal zur Ruhe zu kommen und mit den Worten des Gebets und aus der Bibel in die Nacht zu gehen, das habe ich als Jugendlicher und Junger Erwachsener sehr zu schätzen gewusst. Heute tue ich es auch noch, nur sind die Zeiten seltener geworden, in denen ich die Complet bete – inzwischen ist das liturgische Morgengebet, die Mette, die Andachtsform, die ich in Hochschulzusammenhängen besonders häufig mit der Hochschulgemeinde feiere (bzw. sie mit mir).

In unserem Urlaub lief ich kürzlich in Frankreich gegen Abend über einen Parkplatz, als mir plötzlich eine Anzeige »Complet« entgegenleuchtete. Eine heilsame Einladung zum Gebet? Das dann leider doch nicht, sondern nur der Hinweis, dass der öffentliche Parkplatz voll ist.

Und ich musste etwas schmunzeln, weil sich am Ende dann doch die Dinge glichen. Hier wie dort bei der »Complet« der Kirche und dem vollen Parkplatz kommen Menschen (mehr oder weniger freiwillig) zur Ruhe. Auch auf dem Parkplatz war kein hektisches Treiben mehr zu entdecken, sondern lauter Autos standen in der Reihe und warteten, dass irgendwo wieder ein Platz frei wird. Und hier wie dort dann auch »Complet« als Signal: Es geht nicht immer alles nach Plan, es geht auch nicht immer noch mehr und noch mehr. Sondern irgendwann ist der Tag, ist der Parkplatz voll. Und ich muss mir eingestehen, dass manches, was ich mir vorgenommen habe, auch nicht zum Ziel gekommen ist – manchmal auch aus eigener Schuld. Deswegen ja auch das Schuldbekenntnis im Nachtgebet an dieser Stelle.

Ob die Autofahrer, die warten mussten, wohl trotzdem einen guten Abend hatten? Ich wünsche es ihnen. Ob diejenigen, die sich mit einem Abendgebet ganz gleich welcher Art (zum Beispiel auch der Form der Complet) eine »gute Nacht« haben? – Ganz gewiss. Denn sie bergen sich ja bei Gott – so, wie es in Psalm 91 heißt, der zum festen Bestand der Complet gehört:

»Er [= Gott] wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.« (Psalm 91,4, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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