Kürzlich habe ich einen Freund besucht und bin mit ihm durch die Stadt flaniert. Er hatte eines seiner Kinder dabei und spielte mit ihm, wer die meisten bekannten Leute traf. Entsprechend waren wir bei unserem Stadtbummel nicht nur mit uns selbst beschäftigt, sondern guckten in die Menge der Menschen, die mit uns unterwegs waren. Vielleicht war ja irgendwo ein bekanntes Gesicht dabei.
Ich selbst war bei dem Spiel natürlich »außen vor«, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwo einen Bekannten treffen würde, sich doch bei mehr oder weniger Null bewegte. Trotzdem ließ ich mich von den beiden anstecken und guckte ebenfalls genauer hin, als ich das sonst gemacht hätte.
Und ich merkte, wie ich die Menschen um mich herum so noch einmal ganz neu und intensiver wahrnahm. Ich schaute in die Gesichter und sah Andeutungen von Lebensgeschichten darin. Menschen, die es offensichtlich nicht nur leicht im Leben gehabt hatten. Daneben andere ältere Menschen, die sich ihre Lebensfreude bis ins Alter bewahrt hatten. Jugendliche – irgendwo zwischen Coolness und Unsicherheit.
Im bewussten Wahrnehmen der Menschen wurde mir deutlich, wie oft ich andere Leute sehe, ohne sie wirklich zu »sehen«. Dabei ist »Ansehen« ja schon in unserem Sprachgebrauch ganz offensichtlich ein hohes Gut. Und ich selbst kenne in mir den Wunsch, dass mich mein Gegenüber wirklich »sieht« – wirklich so, wie ich bin, mit dem, was ich kann, aber auch mit meinen Grenzen, meinen Fragen, meinen Überzeugungen und meinen Sorgen. Und umgekehrt empfinde ich es als unangenehm, wenn jemand von mir nur ein Zerrbild wahrnimmt, das gar nicht zu mir passt.
Gottes Zusage ist, dass er uns tatsächlich »sieht«, also wahrnimmt, und uns nicht bloß als einen oder eine von Milliarden aus dem Augenwinkel vorbeihuschen sieht. Ein besonders schönes Beispiel ist dafür die Berufung des Jüngers Nathanael. Von und zu dem sagt Jesus Christus: »Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.« (Johannes 1,48, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Mir tut das gut, zu hören, dass ich wirklich gesehen werde und so betrachtet »Ansehen« besitze.
Christoph Barnbrock
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