Vor knapp zwanzig Jahren führte die Zeitung »Washington Post« ein Experiment durch. Joshua Bell, einer der großen Geigenvirtuosen unserer Tage, spielte eine knappe Dreiviertelstunde als Straßenmusiker in einer U-Bahn-Station in Washington D.C. Von knapp 1.100 Personen, die an ihm vorbeigingen, blieben 7 stehen, um der Musik zuzuhören. Im offenen Geigenkasten landeten am Ende gut 30 Dollar (plus 20 Dollar von der einzigen Person, die ihn erkannt hatte):
Verschiedenes lässt sich diesem Experiment entnehmen: Erstens, dass wir manchmal viel zu sehr mit unserem Hasten von hier nach dort beschäftigt sind, als dass wir die Schönheit, die uns unterwegs begegnet, wahrnehmen. Und zweitens, dass unsere Vorurteile unseren Blick (oder in diesem Fall: unser Gehör) prägen. In U-Bahn-Stationen spielen nur viertklassige Musiker, so unsere Grundannahme, also nehmen Menschen den Weltklassemusiker gar nicht wahr, selbst wenn er direkt vor ihnen seine Kunst zum Besten gibt. Erst wenn man Dutzende von Dollar oder Euro für ein Konzert ausgibt, sich selbst schick anzieht und im Konzertsaal sitzt, kann man – so scheint es – die Kunst richtig würdigen.
Vielleicht ist dies Gottes »Problem«, dass er in die Welt gekommen ist, sich in Jesus Christus unter die Menschen gemischt hat, gratis für sie da ist (gratis – von gratia: Gnade), dass er nicht gewartet hat, bis Menschen ein Vermögen zusammengekratzt haben, um ihm in seiner Herrlichkeit zu begegnen, dass er sich übersehbar gemacht hat.
Jesus Christus sagt zu seinen Jüngern: »[S]ehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.« (Lukas 17,21, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Ja, und das heißt: Gott selbst ist mitten unter uns – auch im Alltag, da, wo wir von hier nach da eilen, wo uns Freude das Herz weit oder Sorgen es eng machen.
Vielleicht übersehen wir ihn häufig, wenn er da ist und uns beschenkt oder tröstet (zum Beispiel durch andere Menschen), wenn er mit uns redet in seinem Wort oder seinen Tisch vor uns deckt im Heiligen Abendmahl. Aber er ist da. Und wir dürfen einfach bei ihm sein – ohne teures Ticket, ohne besondere Garderobe. Schauen wir im Glauben hin, werden wir ihn an vielen Ecken entdecken.
Christoph Barnbrock
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