Dass etwas »echt« ist, hat heutzutage für viele einen hohen Stellenwert. Bisweilen spricht man dabei auch von »authentisch«. Dabei ist gar nicht immer so ganz eindeutig, was genau eigentlich mit »echt« oder »authentisch« gemeint ist. Bei einem Kunstwerk können Experten einen »echten« van Gogh von einer Fälschung unterscheiden. Gibt es irgendwo einen Anschlag und in diesem Zusammenhang ein Bekennerschreiben, ist es von Bedeutung, ob dieses für »authentisch« gehalten wird – oder ob hier ein Trittbrettfahrer versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wird von bei Menschen davon gesprochen, dass sie »echte« Gefühle zeigen oder ganz »authentisch« sind, dann klingt dabei aber noch etwas anderes an. Dass sich mir mein Gegenüber unverstellt zeigt, ohne Maske oder ohne etwas künstlich zurückzuhalten.

Gerade in der Social Media-Welt ist von daher »Echtheit« und »Authentizität« eine kostbare Währung, wobei paradoxerweise dort im Normalfall das scheinbar Authentische eben doch gescripted und von daher auch inszeniert ist. Menschen tun alles dafür, dass das, was sie vor der weltweiten Öffentlichkeit zeigen, authentisch und echt wirkt, weil das Reichweite generiert und attraktiv wirkt.

Und je mehr heutzutage automatisiert ist – in Produktion und Texterstellung – desto seltener und von daher auch kostbarer ist dann auch das, was menschengemacht ist, sich auf einen bestimmten Menschen und seine Gedanken und Gefühle zurückführen lässt – und eben nicht einfach nur kopiert ist.

Allerdings lässt sich durchaus darüber streiten, ob es wünschenswert ist, dass Menschen mich in jedem Fall ganz »echt« und »ungefiltert« erleben. Wenn mich die Wut packt und ich meinem Mitmenschen meinen Ärger einfach ins Gesicht brülle, dann mag das zwar sehr authentisch sein, weil es das Gefühl ist, das mich gerade bewegt, und doch wäre es nicht das, was angemessen, was hilfreich und was gut wäre.

Gleichzeitig leiden Menschen bisweilen darunter, dass andere sie gar nicht so wahrnehmen, wie sie »echt« sind (oder wie sie meinen, »echt« zu sein). Sondern es scheint so, als würden die anderen nur Vorurteile und vorgefertigte Bilder von ihnen wahrnehmen.

Von und bei Gott gilt, dass er uns in doppelter Weise so sieht, wie wir »in echt« sind: einmal in der Weise, dass er sieht und weiß, wie wir mit all den Schattenseiten sind, die wir mit uns herumtragen. Diese kann, muss und will ich vor Gott nicht verbergen. Weil Jesus Christus das wieder geheilt hat, was hier in meinem Leben zerbrochen ist – auch wenn ich damit ein Leben lang immer noch zu tun habe.

Dann ist es aber auch so, dass Gott uns so sieht, wie wir »in echt« sind bzw. von ihm gemeint waren – bevor das Verhältnis zwischen ihm und uns Mensch zerbrochen ist. Die Erinnerung an dieses Bild, wie der Mensch eigentlich gedacht und gemacht war, hat Gott nicht vergessen, sondern er hat es bewahrt und nutzt es, um uns neu zu schaffen – als neue Menschen, so wie wir »in echt« von ihm gemeint waren. Und dieses Neuschöpfungshandeln hat schon in unserer Taufe begonnen.

»Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.« (Psalm 139,16, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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