Von meinem Platz am Esstisch in unserem kombinierten Esszimmer-Küchen-Bereich habe ich auch einen Blick auf das Küchenfenster. Allerdings ist der Winkel so, dass ich nicht sehen kann, ob jemand auf dem dort verlaufenden Weg zum Haus geht oder sich vom Haus entfernt. Faszinierend ist, dass ich trotzdem mitbekomme, wenn jemand auf diesem Weg zum/vom Haus unterwegs ist. Denn dann bewegt sich ein Schatten über unsere Dunstabzugshaube, die ich von meinem Platz ebenfalls im Blick habe. Ein spannendes Phänomen: Ich sehe nicht und sehe doch.
Die Frage danach, ob und wie sich Gott sehen lässt, hat Menschen zu allen Zeiten umgetrieben. Am deutlichsten vielleicht ausgedrückt in der Bitte des Mose: »Lass mich deine Herrlichkeit sehen!« (2. Mose 33,18, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Gott wiederum antwortet ihm darauf: »Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.« (2. Mose 33,21–23)
Es gehört zu den schnell vergessenen Aspekten des Glaubens, dass Gott eben in seiner Göttlichkeit und Heiligkeit an sich so anders ist als wir Menschen, dass eine unmittelbare Begegnung gar nicht so einfach möglich ist. Umso kostbarer ist es, dass Gott in Jesus Christus tatsächlich sein Angesicht gezeigt hat, dass der nahbar geworden ist und durch Jesu Tod und Auferstehung den Weg eröffnet hat, dass auch wir den Vater einmal werden von Angesicht zu Angesicht sehen können.
Bis dahin bleibt allerdings auch uns, dass wir Gott – wie Mose – vor allem hinterherschauen können oder – im Bild von der Dunstabzugshaube gesprochen – seine Präsenz indirekt wahrnehmen: Indem wir in der Bibel davon hören und lesen, was andere Menschen mit Gott erlebt haben oder indem wir rückblickend in unserem Leben etwas davon ausmachen, wie Gott uns wunderbar geführt hat. Ja, wir können ihn nicht unmittelbar sehen – es heißt aber nicht, dass wir gar nicht wahrnehmen könnten, dass er da ist und in unserem Leben so viel Gutes bewegt. Ganz im Gegenteil!
Christoph Barnbrock
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