Einer der beliebten Postkartensprüche unserer Tage lautet: »Gibt dir das Leben Zitronen, mach Limonade draus!« Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von solchen heiteren und lustigen Sprüchen, die auch dazu einladen, manches Festgefahrene noch einmal von einer anderen Seite zu sehen. Wir haben in unserem Haus eine ganze Tür, die solche Postkarten zieren.
Und auch in diesem Fall ist ja etwas dran: Manchmal kann aus dem, was uns im Moment sauer oder bitter aufstößt, ja auch noch etwas anderes, etwas Gutes werden. Das lässt sich immer wieder wahrnehmen – und ist dann ganz gewiss auch ein Dankgebet wert, wenn wir es so erleben.
Aber es gibt eben auch Zeiten und Umstände, in denen dieses Zitronen-Zitat nicht funktioniert. Da gibt es Schweres im Leben, das sich nicht einfach in Limonade umwandeln lässt. Da bleiben Zeiten dunkel und belastend. Und ich muss Wege finden, wie all das in meinem Leben seinen Platz findet, obwohl ich es nicht mag, weil es eben weder einfach so weggeht noch sich umwandeln lässt.
Immer wieder einmal lese ich in einem Gebetbuch von Justin Mc Roberts und Scott Erickson: »In the Low. Honest Prayers for Dark Seasons« (»In der Tiefe. Ehrliche Gebete für dunkle Zeiten«), grandios illustriert von letzterem. Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit Depressionen und Lebenskrisen formulieren sie Gedanken und Gebete, die die Wucht dieser bedrängenden Erfahrungen nicht vorschnell übergehen.
In einem dieser Gebete wird das Bild von den Zitronen und der Limonade aufgenommen: »I know when I’m given lemons, / I’m supposed to make lemonade / […] / But today, / with the ingredients of my life in front of me / all I feel like I can make / is a turd sandwich. / Thank you for hearing my honest prayer.« (»Ich weiß, wenn ich Zitronen bekomme / sollte ich Limonade daraus machen. […] Aber heute / wo die Zutaten meines Lebens vor mir liegen / habe ich den Eindruck / dass ich damit bestenfalls ein ekeliges Sandwich machen kann. / Danke, dass du mein ehrliches Gebet hörst!«).
So ehrlich zu beten – ohne vorschnelle Zitronen-Limonadentricks im Hinterkopf – hat sein Urbild in den Psalmen, in denen Menschen ebenfalls ehrlich, schonungslos und »in der Tiefe« beten:
»Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir. / Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!« (Psalm 130,1f. Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Und ja – Gott hört solche ehrliche Gebete und geht mit durch die dunklen Lebenszeiten.
Christoph Barnbrock
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