Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sich Urbilder finden, wenn es darum geht, dass Menschen ihre Sehnsüchte ausdrücken. Eins dieser Bilder ist das vom Meer oder vom Ozean. Eine Idee, die damit häufig verbunden ist, ist zum Beispiel, dass jenseits des Meers ein Neuanfang möglich wäre, wo ich alles hinter mir lassen könnte, was war.
In der Geschichte von Jona findet sich das in der Flucht vor Gott, als er ein Boot nach Tarsis nimmt (Jona 1,3): Weit weg über das Meer bis ans Ende der Welt! Ähnlich ist es auch in Psalm 139, in dem David eine Flucht bis ans Ende des Meers imaginiert: »Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.« (Psalm 139,9, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Und ähnlich ist das Motiv aus dem Michabuch, wenn es von Gottes erwartetem Heilshandeln redet: »Er [= Gott] wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.« (Micha 7,19). Das Meer als ein Ort, der dafür sorgt, dass notvolle und schuldbeladene Geschichte hinter mir bleibt und ich einen Neuanfang starten kann.
Heute hat für viele das Meer vor allem einen Wert in Sachen Erholung: Urlaub am Meer, Abschalten, Kräftesammeln für den Alltag. Und natürlich schwingen heute bei »Meer« oder »Ozean« ganz andere Aspekte mit als die, die Menschen zu biblischen Zeiten damit verbunden haben.
Aber hier und da blitzen die Motive von Neuanfang mit Blick auf das Meer dann auch in der Gegenwart wieder auf, etwa in dem Lied »Ozean« der Kölner Band AnnenMeyKantareit, in dem die Sehnsucht nach einem Neuanfang mit dem Motiv des großen weiten Ozeans verknüpft wird. Ein schmerzhaftes Ereignis liegt hinter dem lyrischen »Ich«, eine Vergangenheit, die es immer wieder einholt. Und so entsteht die Notwendigkeit, irgendwo anders zu leben: »Trotzdem muss ich möglichst schnell irgendwo anders hin / Irgendwo, wo im Winter die Sonne scheint / Wo ich allein und ohne Vergangenheit von vorne anfang’n kann / Vielleicht lerne ich irgendwann verzeih’n«. Dabei verbindet sich das Ganze mit dem Gedanken des weiten Meers: »Ich will ein Meer zwischen mir und meiner Vergang’nheit / Ein Meer zwischen mir und allem, was war«.
Fliehen und irgendwo anders neu anfangen – unbelastet von der eigenen Geschichte und Vergangenheit. Die biblischen Autoren sind erst einmal skeptisch, was die Erfolgsaussichten dessen angeht. Irgendwie nimmt man sich und seine Geschichte ja doch immer mit. Aber mit Gott ist ein Neuanfang möglich – diesseits und jenseits des Ozeans.
Christoph Barnbrock
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