An unserer Hochschule feiern wir regelmäßig auch Andachten im ebenerdig gelegenen Andachtsraum. Kürzlich klopfte es kurz vor Beginn der Andacht an einem der großen Fenster. Und als dieses dann geöffnet wurde, trat ein Andachtsinteressent durch das Fenster in den Andachtsraum hinein und nahm Platz, was zur allgemeinen Erheiterung führte.

Der Andachtsfreund begründete das später damit, er habe sich ein paar Meter Weg sparen wollen, um nicht noch einmal durch das ganze Gebäude hindurch und dann durch die Tür gehen zu müssen. Und vielleicht war dieses Ereignis in der letzten Vorlesungswoche auch einer gewissen Semester-End-Stimmung zu verdanken, wenn alle Beteiligten voller Vorfreude auf die vorlesungsfreie Zeit zugehen.

Im Nachdenken über diese Szene fiel mir zuerst Jesu Mahnung ein: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber.« (Johannes 10,1, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft). Aber das wäre vielleicht doch etwas aus dem Zusammenhang gerissen und zu unbarmherzig.

Und so erinnerte ich mich danach noch an die vier Freunde, die einen Gelähmten zu Jesus brachten: »Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.« (Markus 2,3–5). Ja, wie schön ist das, wenn jemand so dringend zu Jesus Christus, zur Andacht kommen möchte, dass er sogar ungewöhnliche Zugangswege sucht.

Bei mir bleibt es am Ende dabei: Ich finde, es spricht vieles dafür, einen Andachtsraum oder eine Kirche durch die dafür vorgesehene Tür zu betreten. Aber falls ich andernfalls darauf verzichten würde, mir einen Moment für Gottes Wort und das Gebet zu nehmen, darf es gerne je und dann auch mal die Abkürzung durchs Fenster sein. Denn der, um den wir uns dort versammeln, ist ja der gute Hirte, der nicht wie ein Dieb »hintenrum« in den Schafstall steigt, um sich dort die Schafe zu klauen und dann zu schlachten oder weiterzuverkaufen, sondern derjenige, der sich seinerseits voller Liebe mit allem, was er hat, für seine Herde alles einsetzt.

Christoph Barnbrock


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