Tischerinnerungen

Wer an unserem Küchentisch an der einen Kopfseite genau hinsieht – oder besser noch: hinfühlt – wird dort eine Vielzahl kleiner Dellen und Löcher entdecken. Dabei handelt es sich nicht um das Ergebnis eines Holzwurmbefalls oder um einen Produktionsfehler. Sondern hier hat vor Jahren – fast muss ich sagen: Jahrzehnten – unsere Tochter als Kleinkind gesessen und in der ihr eigenen Dynamik, die ich bis zum heutigen Tag an ihr schätze und liebe, mit einer Gabel den Tisch ›bearbeitet‹.

Wann immer ich an dieser Stelle vorbeikomme, hingucke oder mit meinen Fingern am Tisch entlangfahre, sind mir all diese Momente wieder präsent. Ich lächle, freue mich über die vielen guten Zeiten, die wir schon miteinander hatten, und weiß: Das alles kann uns keiner mehr nehmen.

Von Martin Luther erzählt man sich, er habe ebenfalls seinen Tisch bearbeitet, um sich Erinnerungsmarker zu setzen. Dabei habe er in Zeiten der Unsicherheit und der Anfechtung »Ich bin getauft!« auf Latein mit Kreide auf seinen Tisch geschrieben, damit er es bloß nicht vergisst. Meiner Kenntnis nach lässt sich das nicht wirklich historisch belegen, ab manchmal erzählt eine gut ausgedachte Geschichte doch trotzdem etwas Zutreffendes. Denn dass Luther sich sein Leben lang an seiner Taufe festgehalten hat und auch andere mit der Erinnerung an ihre Taufe getröstet hat, das ist tatsächlich in vielfacher Weise belegt.

Und auch mir sind die Erinnerungen an meine Taufe mindestens so lieb wie die Gabelabdrücke auf dem Esstisch. Denn auch hier weiß ich: Das kann mir keiner nehmen. Egal, was im Leben kommen mag – ob ich erfolgreich bin oder auf die Nase falle – , ein getaufter Christ bleibe ich. Da hat Gott ein neues Leben mit mir begonnen, das noch durch meinen Tod hindurch Bestand haben wird. Da hat er mich rausgerissen aus all dem, was schlecht und böse ist. Da hat er sich mir zusagt: Ich bin dein Vater. Ich bin für dich da. Zu mir kannst du immer kommen – auch zurückkommen, wenn du dich verlaufen hast! Daran kannst du dich festhalten, selbst wenn dein Glaube schwach und schwankend wird.

Vielleicht sollten wir viel öfter Erinnerungsmarken auf Tischen hinterlassen – auf jeden Fall aber uns immer und immer wieder an unsere Taufe erinnern: Sie ist so ein großes Geschenk, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

»So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.« (Römer 6,4, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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