Vor einiger Zeit stieß ich auf ein Interview mit Jana Ringwald, Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main. In diesem Interview beschreibt die bekennende Christin ihren Arbeitsbereich, Fälle, mit denen sie es zu tun hat. Aber – und das fand ich besonders interessant – sie reflektiert ihre Arbeit auch von einem christlichen Standpunkt aus.

So arbeitet sie heraus, dass für sie der Respekt vor dem anderen Menschen unbedingt zum Grundprinzip des Strafgesetzes dazugehört. Und sie kann es dann so mit ihrer theologischen Auffassung verbinden: »Ich verstehe Jesus so, dass er uns allen ins Gebälk gefahren ist, aber mit Liebe. Er sagt: Du bist endlos geliebt, aber trotzdem finde ich nicht alles richtig, was du tust. Nimm dein Kreuz und kehre um.«

Und weiter: »[I]n unsrem Gesetz schwingt immer die Hoffnung auf Umkehr mit, selbst bei schlimmsten Taten. Eine Strafe, die mit dem Tod endet, ist deshalb nicht mit der Würde vereinbar. So schaut Gott durch Jesus auf uns Menschen: Hoffentlich kehrt der Mensch um und ich gewinne ihn noch. Das finde ich einzigartig im christlichen Glauben.«

Das alles ist bei ihr eingezeichnet in ein Gottesbild, in dem beides seinen Platz hat: Recht und Gnade. Sie sagt: »Ich habe die Vorstellung von Gott, der eine so überschwängliche Liebe hat, dass wir sie uns nicht vorstellen können. Gott ist für mich einer, der auch richten muss, aber in erster Linie hofft, jedes Herz zu gewinnen.« Und mit Blick auf sich selbst als Staatsanwältin und die Straftäter, denen sie gegenübersteht, führt das dann auch zu einer überraschenden Nähe: »Als Staatsanwältin und als Christin ist mir klar: Dem Straftäter bin ich näher als wir beide Jesus [in seiner Gerechtigkeit, CB].«

Gerade mit Blick auf das Strafrecht erschließt sich uns wahrscheinlich der Wert von Recht und Gerichtsentscheidungen. Ich wollte nicht ohne ein solches System leben und würde mir an mancher Stelle wünschen, es würde besser funktionieren. Dass die biblischen Bücher auch Gott mit Recht und Gericht zusammenbringen, ist aus dieser Perspektive dann durchaus plausibel. Und wie gut, dass Gottes Liebe und Gnade, die er durch das stellvertretende Einstehen Jesu am Kreuz verwirklicht hat, uns aus dem Gericht in die Freiheit geführt hat!

Ja, es gibt eine Solidarität aller Menschen als Sünder, so wie Jana Ringwald das formuliert hat, dass sie dem Straftäter näher ist als Jesus in seiner Gerechtigkeit. Uns allen bleibt immer wieder nichts anderes als der Ausruf »Gott sei mir Sünder gnädig!« (Lukas 18,13, Lutherbibel 2017 © Dt. Bibelgesellschaft). Und gleichzeitig hören wir immer wieder die frohe Botschaft: »Gott ist uns Sündern gnädig.«

Christoph Barnbrock


Entdecke mehr von Team Gott

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner