Der Blick der anderen

Am Sonntag habe ich mir die Zeit genommen, mir die Sonderausstellung »Maria Magdalena« im Städel Museum in Frankfurt anzuschauen. Das war gut investierte Zeit, da die Ausstellung an sich differenzierter ist, als es das auf manchen vielleicht etwas reißerisch wirkende Plakat vermuten lässt.

Erkennbar wurde in dieser Ausstellung, wie facettenreich diese Frau aus dem nächsten Umfeld Jesu in der Kunstgeschichte wahrgenommen wurde. Dabei vermischte sich Biblisches mit Legendärem. Und die biblischen Texte, die explizit von Maria Magdalena sprechen, wurden zudem kombiniert mit Texten von namenlosen Frauen, die dann mit Maria identifiziert wurden.

Dabei bewegen sich die – zumeist von Männern angefertigten – Bilder von Maria irgendwo zwischen der Darstellung einer sinnlich-verführerischen Frau und einer Person, die alles ›Sündliche‹ hinter sich gelassen hat. Weiterhin reicht der Spannungsbogen von der Wiedergabe einer selbstbewussten Frau bis zu einer, die sich im Glauben ganz aufgegeben hat.

Ich habe mich gestern in der Ausstellung gefragt, was Maria selbst wohl zu diesen ganzen Bildern gesagt hätte. Vielleicht würde es ihr ja gehen wie vielen von uns, die sich auf Bildern nicht gerne ansehen, weil sie immer auch etwas Fremdes haben. Wahrscheinlich hätte sie an der einen oder anderen Stelle auch den Kopf geschüttelt und sich gewundert, wie ein Künstler auf die waghalsige Idee gekommen ist, sie nun gerade so zu malen.

Entsprechend bin ich ganz froh, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich selbst zum Kunstobjekt werde, doch ziemlich klein ist. Und doch machen sich natürlich auch von mir andere ein Bild – wenn auch nicht mit Pinsel und Farbe. Und manchmal ist dieses vielleicht genauso einseitig wie die eine oder andere Darstellung der Maria.

In solchen Momenten bin ich immer wieder froh, dass Gott mich sieht, wie ich wirklich bin. Dieses Wissen ist nicht nur schön, weil er damit ja auch auf das blickt, was nicht gut an und in mir ist. Und doch ist es allemal besser, als wenn Menschen ein verzerrtes Bild von mir bewundern. Denn in Jesus Christus ist Gottes Blick auf mich ein liebevoller Blick auf mich – mit allen und trotz aller Facetten meines Lebens.

»Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.« (Markus 16,9, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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