In diesen Tagen war in den Medien von einem Rücktritt eines römisch-katholischen Bischofs zu lesen. Nun bin ich selbst lutherischer Christ und Theologe und dachte mir beim Überfliegen der Nachricht nicht viel. Mit den genauen Regelungen katholischen Kirchenrechts kenne ich mich nicht im Detail aus, weiß aber immerhin dies, dass Bischöfe, wenn sie 75 Jahre alt werden, dem Papst ihren Rücktritt anbieten müssen und dieser ihn entweder annehmen oder ablehnen kann. Von daher passiert es mit einer gewissen Regelmäßigkeit, dass Bischöfe ihren Rücktritt anbieten – nichts Ungewöhnliches also.
Erst beim genauen Hinsehen fiel mir auf, dass der Fall hier nun doch etwas anders lag. Der genannte Speyrer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann ist »erst« 66 Jahre alt und hätte – nach römischem Kirchenrecht – also noch fast ein Jahrzehnt vor sich gehabt. Als Begründung heißt es auf der Homepage des Bistums: »Ich bin mit ganzem Herzen und großer innerer Freude mit Ihnen Christ und für Sie Bischof gewesen. Dennoch hat die Last der umfänglichen Verantwortung in mir körperlich, wie vor allem seelisch schwerwiegende Spuren hinterlassen.«
Ich halte kurz inne. Ein Bischof, der kommuniziert: »Ich kann nicht mehr.« Je älter ich werde und je mehr Verantwortung ich auch selbst in kirchlichen Bereichen übernommen habe, desto deutlicher steht mir vor Augen, dass Bischöfe, Professoren, Kirchenräte – und ggf. ihre weiblichen Pendants – auch nur Menschen sind: Verletzlich, mit Schwächen, oft an den Grenzen der Überforderung arbeitend (oder schon darüber hinaus).
Und doch schaue ich gerade zu kirchenleitendem Personal innerlich auf. So ein Bischof – das ist in Sachen geistlicher Leitung doch noch einmal eine andere »Hausnummer«, denke ich insgeheim. Also: Darf ein Bischof einfach zurücktreten oder drückt er sich vor der übernommenen Verantwortung? Wäre es nicht dran, diese Aufgabe selbst dann noch zu behalten, wenn Körper und Seele längst für alle erkennbar ihren Tribut gefordert haben, wie dies so eindrücklich bei Papst Johannes Paul II. in seiner letzten Lebensphase wahrnehmbar war?
Nach etwas Nachdenken habe ich mich darüber gefreut, dass Bischof Wiesemann seinen Rücktritt angeboten hat – und dieser auch angenommen worden ist. Und noch mehr Respekt hat es mir abverlangt, wie offen er mit seinen Begrenztheiten und seiner Schwäche umgegangen ist und wie transparent er auch über seine Depressionen gesprochen hat.
Denn Kirche – das ist ja keine Veranstaltung für Superhelden, die jeder Herausforderung trotzen. Sondern in der Kirche sind Menschen, Männer wie Frauen, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, zusammengeschlossen, die nicht aus sich selbst heraus ihre Kraft schöpfen, sondern von Gott her. Und der ist eben keiner, der seine Leute, die nicht mehr können, doch noch irgendwie über die Ziellinie peitscht.
Sondern Gott wendet sich den Schwachen fürsorglich zu, sodass dann auch ein Bischof, der von Berufs wegen Hirte ist, wieder zum Schaf werden darf und von Gott, seinem guten Hirten, zu hören bekommt: »Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.« (Hesekiel 34,16, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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