Es gibt biblische Gestalten, denen ich lange gedanklich Unrecht getan habe. Dazu gehört unter anderem Nikodemus. Er begegnet uns in der Bibel das erste Mal im Johannesevangelium, wenn es heißt:

»Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.« (Johannes 3,1f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Es schließt sich dann ein längeres Gespräch an, das voll ist von den für Johannes typischen Missverständnissen, bei denen Jesus und seine Gesprächspartner aneinander vorbeireden. Nikodemus kommt dabei nicht sonderlich gut weg, wirkt etwas begriffsstutzig. Und vor allem fand ich es immer ärgerlich, dass Nikodemus »bei Nacht« zu Jesus kam. Für mich war das ein Inbegriff dafür, dass er heimlich zu Jesus kam, nachts, wenn keiner es mitbekommt, – ohne den Mut, sich zu ihm zu bekennen. Und genau das mit der Nacht wird sogar später noch einmal herausgestellt, wenn von Nikodemus die Rede ist, als er reiche Gaben zum Grab Jesu brachte (vgl. Johannes 19,39).

Und ganz sicher ist es kein Zufall, kein Detail, das wir einfach so übergehen sollten, dass Johannes das hier mit der Nacht erwähnt. Dafür ist der Evangelist Johannes ein zu großer Meister der Anspielungen und Querverweise. Er, der damit beginnt, dass Jesus Christus das Licht der Welt ist (vgl. Johannes 1,4), beschreibt hier einen Menschen, der aus der Dunkelheit seines Lebens (»Nacht«) zum Licht der Welt kommt.

Dass das Ganze allerdings mit Feigheit nichts zu tun haben muss, hat sich mir im Urlaub in Spanien erschlossen. Dort erlebten wir es, dass wir gegen Mittag oder auch noch am späteren Nachmittag durch scheinbar ausgestorbene Städte gingen, während das Musikprogramm der Dorf- und Stadtfeste um Mitternacht begann und dann bis zum frühen Morgen andauerte. Und ich habe gemerkt: Was in Deutschland »Nacht« ist, ist nicht notwendigerweise dasselbe, was Menschen in Ländern rund ums Mittelmeer, in denen es tagsüber viel heißer ist, mit »Nacht« verbinden.

Mindestens in dieser Hinsicht habe ich Nikodemus wohl Unrecht getan. Denn mit Feigheit und Verstecken muss sein nächtlicher Ausflug zu Jesus nichts zu tun gehabt haben. Vielmehr war die Nacht die Tageszeit, zu der es sich überhaupt vernünftig denken und diskutieren ließ. Außerdem: Gut möglich, dass er auf seinem Weg zu Jesus in der Nacht reichlich Menschen begegnet ist – die ihrerseits vielleicht auch auf dem Weg zu irgendwelchen Feiern oder zu Freunden und Bekannten waren. Und vielleicht hat er sich nach dem Gespräch mit Jesus sogar noch zu den Feiernden gesellt. Schließlich hatte er Grund zum Feiern: weil er in der Nacht das Licht seines Lebens gefunden hatte: Jesus Christus.

Christoph Barnbrock


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