Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Menschen, Gebäuden oder Kunstwerken kann. Wo die eine Person bestenfalls Farbklekse entdeckt, sieht eine andere ihre Gefühle treffend ausgedrückt. Ein Bauwerk, das für die eine ein architektonisches Meisterwerk darstellt, ist für den anderen bloß »komisch«. Und auch bei Menschen kann der Eindruck erheblich variieren.
Klaus Lage hat dies einmal in seinem Lied »Mit meinen Augen« zum Ausdruck gebracht, in dem er eine Frau beschreibt, in die er sich verliebt hat:
Bei seinen Freunden, an die sich der Sänger wendet, macht diese Person offensichtlich nicht viel her. Sie wirkt »unscheinbar und klein«. Anderen etwas vorzumachen, scheint nicht ihr Stil zu sein. Vielmehr scheint sie direkte, unverstellte Kommunikation zu bevorzugen.
Während seine Gesprächspartner ein eher negatives Bild von der Frau haben, in die sich der Sänger »verguckt« hat, ist sein Blick auf sie ein völlig anderer. Und so wünscht er sich, sie könnten sie einmal aus seiner Perspektive heraus wahrnehmen: »Ihr müsst sie nur einmal / mit meinen Augen sehn, / die absolute Frau, / ihr würdet mich verstehn.«
Hinter dem, was die anderen als unspektakulär und unattraktiv wahrnehmen, entdeckt der Liebende Gutes und Liebenswertes. Nicht jeder kann sehen, was er in seiner Liebe sieht. Auf den Blick kommt es an.
In Psalm 25 bittet der König David Gott, ihn ebenfalls in einer bestimmten Weise anzusehen: »Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!« (Psalm 25,18, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Wenn Gott hinguckt, könnte er, das weiß David, auch allerhand Unschönes entdecken, »Sünden« nämlich. Aber wie Klaus Lage in seinem Lied so fordert auch der König David in seinem Lied eine andere Perspektive ein: Gott, sieh mich bitte mit anderen Augen an, mit Augen des Erbarmens und der Liebe. Oder anders ausgedrückt: »Sieh meinen Jammer und mein Elend« an (und eben nicht meine Sünden). Und schau mich in Liebe an.
Gott lässt sich nicht vom ersten Blick täuschen, schaut nicht auf das, was wir vorweisen können, und auch nicht auf das, was wir nicht vorweisen können. Sondern mit seinen Augen sieht er in jeder und jedem von uns den Menschen, den Jesus Christus so sehr geliebt hat, dass er für ihn gestorben ist, um die Sünden zu tilgen. Und wo wir noch mit uns selbst hadern, sagt Gott zu uns: »Du darfst dich ruhig mal mit meinen Augen sehn!«
Christoph Barnbrock
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