Transparenz ist ein großer Wert unserer Zeit. Also, dass ich durchblicke und erkenne, was ich vor mir habe. Das gilt für den Griff zum Produkt im Supermarktregal: Wo kommt das her? Wie waren bei tierischen Produkten die Haltungsbedingungen? Aber das gilt auch fürs Miteinander im Internet: Wenn ein Star auf einer Plattform ganz außer sich ist vor Begeisterung über eine Neuerwerbung, dann möchte ich gerne wissen, ob er dafür von der entsprechenden Firma Geld bekommen hat und vielleicht nur deswegen so begeistert tut. Und wenn ich irgendwo ein Video sehe, möchte ich darüber informiert sein, ob es unbearbeitet ist oder mit KI erstellt ist. Transparenz ist wichtig.

Was verdeckt und verhüllt ist, kann mich schnell in die Irre führen. Ich verstehe dann nicht mehr, womit und mit wem ich es eigentlich zu tun habe. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Effekt, wenn die Verhüllung das, was sich dahinter verbirgt, umso deutlicher erkennbar werden lässt.

So war es in diesen Tagen im »Levi’s Stadium« in San Francisco. Aufgrund der Regularien der FIFA wird für den Verlauf der WM das Stadion in »San Francisco Bay Area Stadium« umbenannt. Und das Logo des Jeansherstellers musste abgedeckt werden, weil diese Firma nicht zu den Weltmeisterschaftssponsoren gehört.

Was nun aber passierte, ist bemerkenswert. Als verhülltes Logo, das im Stadion zu sehen war, fand es eine unglaubliche Verbreitung und sorgte für erhebliches Interesse (weitere Informationen dazu finden sich zum Beispiel hier). Ein Effekt, der ein wenig zu vergleichen ist mit den Verhüllungen des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude, die jeweils das verhüllte Objekt (z.B. das Berliner Reichstagsgebäude) noch einmal ganz anders sichtbar gemacht haben.

Bei Gott fällt das Sich-zu-erkennen-Geben und das Verhüllen auch immer einmal zusammen. Besonders anschaulich ist dies vielleicht beim Vorhang, der das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel noch einmal abtrennte. Auf der einen Seite verdeckte es den unmittelbaren Zugang und Durchblick. Auf der anderen Seite sorgte paradoxerweise das Verdecken des Allerheiligsten dafür, dass der Ort der Gegenwart Gottes als ein besonderer Ort bewusst wahrgenommen wurde.

Nach der WM wird das Stadion in San Francisco seinen Namen zurückerhalten. Und das Logo der Jeansmarke wird unverhüllt sichtbar sein. Im Jerusalemer Tempel geschah die »Ent-Hüllung« mit Jesu Tod am Kreuz. Da wurde der Zugang zu Gott neu eröffnet. Und Gott gab sich im Tod seines Sohnes in seiner Liebe und Hingabe noch einmal ganz neu zu erkennen. Ja, manchmal dient die Verhüllung dazu, dass ich das, was dahintersteht, für mich noch einmal ganz neu entdecke. Und dann wieder ist es gut, wenn ich auch einen uneingeschränkten Durchblick habe.

»Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.« (Matthäus 27,51, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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