Im Rahmen einer Lehrveranstaltung bin ich kürzlich auf ein Zitat des Theologen Gerhard Ebeling gestoßen:
»Worte des Gebets wollen von uns als solche Herberge verstanden und gebraucht sein, in die wir uns selbst gleichsam ganz hineinbegeben als die Bedrohten und doch Geborgenen, als die Gehetzten und doch immer wieder zur Ruhe Kommenden, als die Müden, die trotzdem Erquickung finden.« (Gerhard Ebeling, Vom Gebet, München/Hamburg 1967, 103).
Was für eine schöne Vorstellung, dass das Gebet ein Ort ist, an dem ich im Alltag immer wieder einkehren kann, um auszuruhen, um von Gott selbst als Herbergsvater empfangen und versorgt zu werden!
Das Leben wie eine Bergwanderung, die mir einiges abverlangt. Und dann ist da immer wieder diese Herberge, wo ich mich bergen kann – auch dann, wenn ein Gewitter aufzieht und es draußen regnet, als ob die Welt unterginge. Hier im Gebet, im Reden mit Gott, bin ich sicher. Hier kann ich den Ballast loswerden, den ich mit mir herumschleppe.
Die Form des Gebet spielt dabei keine Rolle. Fest formulierte Gebete haben den Vorteil, dass ich sie nicht erst noch formulieren muss, dass sie mir zur Verfügung stehen, von anderen in meine Hände gelegt – wie eine Berghütte, die schon da ist, von anderen gebaut, und bei der ich nur noch durch die Tür gehen muss. Ein freies, selbst formuliertes Gebet gleicht dagegen vielleicht eher einem Zelt, das ich immer bei mir trage – auch dann, wenn mir der Text eines geprägten Gebets gerade nicht einfällt. Schnell kann ich es aufbauen.
Der Effekt ist bei beiden gleich. Ich finde einen Ort bei Gott, kann vor ihm aussprechen, was mich bewegt, loswerden, was mich belastet, auch jubeln über das, was gerade wunderbar ist – und wissen, dass er mich birgt, dass ich in diesem Raum des Gebets bei ihm sein darf: mit aller Freude und mit aller Not. Denn er hat mich ja zum Beten aufgefordert und ermuntert, hat also gewissermaßen selbst die Tür vor mir aufgemacht, damit ich hineingehen kann in diese Herberge des Gebets.
»Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!« (Kolosser 4,2, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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