»Hineinschlüpfen« Gottes

Die Ankunft bedeutender Personen kommt meist mit einem Aufwand daher, anhand dessen der Besuch auch für Außenstehende leicht erkennbar ist. Kommt ein Staatsoberhaupt zu Besuch, wird die entsprechende Staatskarosse mindestens mal von einer Polizeieskorte begleitet, wenn nicht gleich ganze Straßenzüge gesperrt werden, um die Fahrt so störungsarm wie möglich zu gestalten.

Vor Ort werden dann rote Teppiche ausgerollt. Orchester spielen die Nationalhymne. Es ist sichtbar und hörbar, dass da ein hoher Staatsgast zu Besuch ist. Er oder sie kommt – mit Pauken und Trompeten. Und wenn früher die Imperatoren nach erfolgreichen Siegeszügen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, dann gab es sogar spektakuläre Triumphzüge.

Auch in der Bibel gibt es Bilder von einem solchen triumphalen Einzug Gottes in der Welt: Bei der Vorstellung, dass die Täler erhöht und die Berge erniedrigt werden, damit ein Weg für Gott frei wird (Jesaja 40,3–5). Von der Erwartung, dass Jesus Christus »mit Pauken und Trompeten« am Ende der Zeiten wiederkommen wird, schreibt auch Paulus (1. Thessalonicher 4,16). Und in aller Eigentümlichkeit war auch der Einzug Jesu in Jerusalem (Markus 11,1–11) ein aufmerksamkeitserregender Triumphzug.

Allerdings kennt die Bibel auch andere Weisen der Gottesbegegnung. Besonders eindrücklich ist etwa diejenige, die der Prophet Elia erfährt, der sich zunächst mit einem Sturm konfrontiert sieht und dann mit einem Erdbeben und zuletzt mit einem Feuer, aber schließlich erkennen muss, dass Gott sich gerade in all diesen spektakulären Phänomenen nicht zeigt, sondern in einem kaum wahrnehmbaren, leicht zu übersehenden oder zu überhörenden »Sausen«.

Neulich las ich bei der Mystikerin Simone Weil: »Deshalb fliehen wir die innere Leere, weil Gott hineinschlüpfen könnte.« Ich weiß nicht, ob es immer die »innere Leere« ist, die vorhanden sein muss, damit Gott hineinschlüpfen kann. Aber ich glaube tatsächlich, dass Gott in unser Leben viel öfter »hineinschlüpft«, als dass er »mit Pauken und Trompeten« einzieht. Ein Bibelwort, das uns nachgeht: eine angelehnte Tür, durch die Gott in unser Leben hineinschlüpft. Die Gaben des Abendmahls – oberflächlich gesehen ein Schluck Wein, ein Hauch von Brot: Mittel mit denen Jesus Christus sich ganz unspektakulär neu Eintritt in unser Leben verschafft.

Ich nehme mir vor, nicht mehr auf den großen, spektakulären Einzug Gottes in mein Leben zu warten. Sondern ich schaue hin, ich höre hin, wo er hineinschlüpft und da ist – ganz unspektakulär: kein Sturm, kein Erdbeben, kein Feuer, sondern ein »stilles, sanftes Sausen«.

»Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.« (1. Könige 19,12f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


Entdecke mehr von Team Gott

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner