In diesem Jahr waren wir in der Karwoche wieder einmal im Burgund, um dort diese besonderen Tage zu verbringen und neu Kraft zu tanken. Bei den Spaziergängen bei zunehmend gutem Wetter sind mir in diesem Jahr in besonderer Weise die Weinstöcke aufgefallen, die knorrig und kahl in der Gegend herumstehen. So, wie sie jetzt dastehen, kann ich mir kaum vorstellen, dass sie in den nächsten Monaten Blätter oder gar Früchte tragen. Und es ist geradezu unvorstellbar für mich, dass diese hölzernen Stümpfe irgendetwas mit einem gutschmeckenden Wein zu tun haben sollen.
Weinstöcke faszinieren mich auch deswegen, weil ich vor ziemlich genau 40 Jahren ein Bibelwort zum Thema »Weinstock« als Konfirmationsspruch mit auf meinen Lebensweg bekommen habe (und ja, bei mir war es noch so üblich, dass ich den Spruch nicht selbst aussuchen durfte, sondern er mir zugeteilt/zugesprochen wurde):
Jesus Christus spricht: »Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.« (Johannes 15,5, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Ich habe dieses Wort immer wieder als ein Trostwort wahrgenommen: Am Ende hängt alles vom Weinstock ab. Ich kann, ich muss nichts dazu tun. Und die Frucht wird sich einstellen, wenn ich in Verbindung zu Jesus Christus bleibe, der in meiner Taufe versprochen hat, in mir zu sein und zu bleiben. Ohne Christus kann ich nichts tun – aber ohne Christus muss ich auch nichts tun.
Gleichzeitig bin ich inzwischen auch in einer Lebensphase und in Lebensumständen, die mich nach einer Lebensbilanz fragen lassen. Wie ist das denn mit den Früchten? Gab es die, gibt es die? Und wenn nicht – lässt das vielleicht Rückschlüsse auf meine Verbindung zu Christus zu?
Die Kirchen in Deutschland erleben bislang ungekannte Abbruchprozesse: Kirchenmitgliedschaft geht zurück. Das Theologiestudium findet kaum noch Interessentinnen und Interessenten. Kirchen polarisieren sich wie die Gesellschaft – und von der Idee, dass es innerkirchlich mit Verständnis, Nächstenliebe und Einstehen füreinander anders aussehen könnte als außerhalb, ist wenig zu sehen. Und ich bin mit meiner Arbeit der letzten Jahrzehnte irgendwie mittendrin. Mit gelegentlichem Gelingen – und immer wieder auch Scheitern und Misslingen. Früchte? – Ich finde, sie lassen sich nur schwer entdecken.
Da hilft mir der Blick auf die knorrigen Weinstöcke im Burgund. Was ich sehen kann, sind nur die Weinstöcke. Keine Reben. Keine einzelnen Trauben. Keine Frucht weit und breit. Wenn ich diesen Anblick einmal auf meinen Konfirmationsspruch übertrage, dann könnte das so aussehen: Vielleicht befinden wir uns in unserem Land und in den westlichen Industrienationen überhaupt irgendwo zwischen dem Winter und dem Frühling des Glaubens. Im Weinberg der Kirche ist nichts zu sehen außer der Weinstock selbst, Christus. Er ist in Kirchen über dem Altar immer noch zu sehen. Von ihm ist immer noch zu hören. Aber Reben, Trauben, Früchte? All das scheint unglaublich weit weg zu sein. Unvorstellbar, dass dieser Weinstock noch einmal Früchte bringt.
Aber ich glaube daran, dass diese Weinstöcke im Burgund und dass noch viel mehr dieser eine Weinstock Christus in sich die Kraft tragen/trägt, Triebe auszubilden und dann im Spätsommer und Herbst auch Früchte zu bringen. Und irgendwo mittendrin bin dann auch ich.
Christoph Barnbrock
Entdecke mehr von Team Gott
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
