Das Wort »relativ« hat es in sich. Eigentlich dient es dazu anzudeuten, dass ich eine Sache zu einer anderen in Beziehung, also in Relation, setze. Häufig gebrauchen wir das Wort aber als einen »Weichspüler«, der das Gesagte faktisch in Frage stellt. Wenn ich auf eine Frage hin eine Antwort gebe und dazusetze: »Ich bin mir da relativ sicher!«, lasse ich mir eben doch auch eine Hintertür offen, womöglich danebenzuliegen.
Den schillernden Charakter dieses Wortes »relativ« hat der gleichnamige Song der »Wise Guys« humorvoll beschrieben:
Er spielt mit dem etwas wankelmütigen Charakter des Wortes »relativ«. Und spätestens bei der vermeintlichen Liebeserklärung »Ich hab dich relativ gern« wird deutlich, dass dieses Wort ein ganz schöner Stimmungskiller sein kann.
So wird es Zeit für eine Rehabilitation des Wortes »relativ« – jedenfalls dann, wenn man es nicht als Marker für die eigene Unsicherheit verwendet. Denn Dinge in ein angemessenes Verhältnis zueinander zu setzen, gehört zu den Essentials, wenn es fair zugehen soll. In pädagogischen Kontexten etwa ist es unbedingt nötig, die einzelne Person im Blick zu behalten, zu schauen, was sie mitbringt und was sie dann auf einem Lernweg erreicht hat. Es wäre unfair, nach der ersten Grundschulklasse im Fach Deutsch ein Kind, das nach Deutschland geflohen ist und erst seit einem Jahr Deutsch lernt, mit einem anderen Kind zu vergleichen, das Deutsch als Muttersprache hat und schon in Kindergartenzeiten aufgrund seiner hohen Sprachbegabung in vielfacher Weise gefördert worden ist. Das vielleicht immer noch fehlerhafte Deutsch des ersten Kindes am Ende der ersten Klasse könnte einen relativ (in Relation zu den Startbedingungen) großen Lernfortschritt darstellen, während die guten Leistungen des zweiten Kindes womöglich nur auf einen relativ kleinen Lernweg zurückzuführen sind.
Dafür braucht es aber den Blick auf den einzelnen Menschen – und eben nicht ein Vorgehen, das alle über einen Kamm schert. Jesus Christus ist ein solcher Hingucker, der den und die Einzelne(n) im Blick hat. Besonders deutlich wird dies in einem Moment, als er im Tempel sieht, wie die Menschen dort spenden: Die Reichen, aber auch eine Witwe, die nur zwei fast wertlose Kupfermünzen gibt. Im Vergleich zu dem, was die anderen gegeben haben, ist das relativ wenig, ja, sogar sehr wenig. Jesus aber kommt zum gegenteiligen Ergebnis: Das, was sie gegeben hat, ist relativ viel – sehr viel:
»Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als sie alle eingelegt. Denn diese alle haben etwas von ihrem Überfluss zu den Gaben eingelegt; sie aber hat von ihrer Armut alles eingelegt, was sie zum Leben hatte.« (Lukas 21,3f., Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Mich bringt dieses genaue Hinsehen Jesu immer wieder auch dazu zu überlegen, wie verantwortlich ich mit meinem Geld umgehe. Findet meine finanzielle Unterstützung anderer da schnell ihre Grenze, wo es meinen Lebensstandard und meine Gemütlichkeit in Frage stellen würde? Oder wie könnte es aussehen, aus dem Vertrauen auf Gottes gute Fürsorge für mich freigiebiger zu geben und abzugeben?
Vor allem aber finde ich tröstlich, wie Jesus Christus auch mich im Blick hat, wertschätzt und vor allem für mich selbst viel mehr gegeben hat, als ich selbst hätte geben können. Da hat er eben nicht gezeigt, dass er mich »relativ gern« hat, sondern dass er mich unendlich liebt.
Christoph Barnbrock
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