In Deutschland leben wir in einem vergleichsweise dichtbesiedelten Land. Das führt dazu, dass wir an den Orten, an denen wir uns aufhalten, im Normalfall relativ vielen Menschen begegnen. Das kann eine Hilfe sein, wenn wir uns etwa verirrt haben und jemanden nach dem Weg fragen wollen. Zumindest in Städten müssen wir normalerweise nicht lange warten, bis jemand vorbeikommt, an den wir uns wenden können. Das kann aber auch herausfordernd sein: Immer auf andere reagieren, Anforderungen gerecht werden müssen.

Dabei hängt es durchaus von unserer Persönlichkeit ab, wie wir das Zusammensein mit (vielen) anderen Menschen wahrnehmen und empfinden. Da gibt es die, die es genießen, mit möglichst vielen auch gleichzeitig im Gespräch zu sein, neue Impulse aufzusaugen. Denen tut es gut, wenn sie wahrnehmen, wie andere auf sie reagieren. Und es gibt eine andere Gruppe von Menschen, die das Zusammensein in größeren Gruppen eher als »Menschenmassenhaltung« wahrnehmen. Viele Menschen – das bedeutet dann: das kostet Kraft, ich kann mich gar nicht gut auf meine Bedürfnisse oder mein Gegenüber konzentrieren. Es wird mir alles zu viel.

Selbst Musikstars, die zum Teil monatelang auf großen Bühnen vor Zigtausenden von Menschen auftreten und solche Massenveranstaltungen genießen, brauchen Rückzugsorte. Es braucht eben auch die Zeiten, wo ich ich sein kann, wo ich Kraft schöpfen kann, mich nicht vor anderen präsentieren muss. Phasen, in denen die Erwartungen anderer an mich einfach völlig egal sind und ich auch Zeit habe, zur Ruhe zu kommen.

Auch von Jesus wird immer wieder erzählt, dass er nach Zeiten, die er mit größeren Menschengruppen zubringt, Zeiten für sich braucht. Er zieht sich dann zurück – meist allein, manchmal in einer kleinen Gruppe mit seinen engsten Vertrauten. Es sind Zeiten zum Auftanken. Dabei geschieht dieses Kraftschöpfen aber nicht einfach nur durch das Alleinsein. Sondern zur Ruhe, zum Empfinden, für einen Moment mal nicht für viele andere Verantwortung zu tragen, tritt bei ihm vor allem das Gebet.

Der Rückzug aus dem Alltag ist so für Jesus nicht einfach der Weg in die Einsamkeit, sondern in die Zweisamkeit – der Weg, der ins Gespräch mit seinem himmlischen Vater führt. Für mich sein, damit ich bei Gott sein kann. Das ist das, was hinter diesen Rückzugsbewegungen steht. Und vielleicht haben wir es heute nötiger denn je, uns diese Freiräume zu suchen. Nicht im Trubel der Massen untergehen, sondern mich zurückziehen, mich Gott anvertrauen, Kraft schöpfen – und dann wieder mit den Menschen leben, auf die ich treffe.

»Und als er [Jesus] das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.« (Markus 14,23, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).

Christoph Barnbrock


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