Die Frage nach Gott

Wer von außen auf das Phänomen »Glauben« schaut, könnte auf die Idee kommen, dass der christliche Glaube die Antwort auf alle Fragen ist. Du hast ein Problem im Leben? Du weißt nicht was du tun sollst? Kein Problem: Frag Gott – und du wirst eine Antwort bekommen!

Wer schon eine Strecke als Christin oder Christ unterwegs ist, weiß, dass es so einfach im Normalfall nicht ist. Da sind nicht die Fragen des Lebens auf der einen Seite und die Antworten im Glauben auf der anderen Seite. Sondern beides liegt ineinander verschlungen. Und gerade auch als glaubender Mensch können Fragen aufbrechen, ja mehr noch: können mich Fragen quälen.

Besonders schmerzhaft ist bisweilen die Frage nach Gott selbst: »Gott, gibt es dich überhaupt? Gott, interessierst du dich überhaupt für mich? Gott, meinst du es überhaupt gut mit mir?«

Solche Fragen sind kein Störfall des Christenlebens, die darauf hinweisen, dass der Motor des Glaubens ins Stottern geraten ist. Sondern viele große Theologinnen und Theologen haben beschrieben, dass diese Momente der Verunsicherung, der Anfechtung und der Fragen gerade zum Kern christlicher Existenz gehören. Martin Luther etwa konnte sagen, dass nicht nur Gebet und Schriftlesung, sondern eben auch die Anfechtung einen Menschen zum Theologen (und damit meint er letztlich: zum Christen) machen.

Und von der französischen Autorin Simone Weil las ich dieser Tage ein Zitat: »Wer Gott nicht in sich hat, kann seine Abwesenheit nicht empfinden.« Auch hier wird die Erfahrung der Abwesenheit und/oder Verborgenheit Gottes mit Gottes Nähe zusammengedacht. Gerade weil ich an Gott glaube, stellt sich mir immer wieder auch die Frage nach Gott.

Und so ist auch in Jesu Ruf am Kreuz beides zusammengedacht: Die Erfahrung von Gottverlassenheit und der Glaube, dass Gott gerade in dieser Situation nahe und trotz allem ansprechbar und letztlich auch verlässlich ist:

»Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Matthäus 27,46, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft)

Christoph Barnbrock


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