Vor einigen Tagen habe ich Charlotte Brandis Buch »Fischtage« gelesen. Im Zentrum steht die jugendliche Ella, die sich auf den ersten Seiten des Buches so charakterisiert: »Die anderen aus meiner Klasse sind in die Pubertät gekommen, bei mir hat jemand stattdessen bloß eine Schraube gelockert.«
Diese ›gelockerte Schraube‹ zeigt sich unter anderem darin, dass sie immer wieder eine unglaubliche Wut und Aggression packt und sie diese denjenigen um die Ohren haut, die gerade das Pech haben, sich in ihrer Nähe zu befinden.
Dabei hadert Ella durchaus mit diesen Wutausbrüchen: »Ich hab das mal aus Spaß mit meinem Wecker gestoppt: Das Schuldgefühl kommt bei mir ziemlich genau einundzwanzig Minuten nach dem Schreien. Dann fühle ich mich von jetzt auf gleich wie etwas, das sich nette Leute angewidert von der Schuhsole kratzen.«
Nun ist Ellas Familiengeschichte – vorsichtig ausgedrückt – durchaus komplex und es ließe sich lang darüber philosophieren und vor allem psychologisieren, warum sie so die Kontrolle über sich verliert. Aber letztlich ist das auch müßig. Denn es ist jetzt bei ihr, wie es ist.
Ich bin für heute daran hängen geblieben, dass sie das Einsetzen der Schuldgefühle und der Reue bei Minute 21 festmacht. Und ich frage mich: Wie ist das eigentlich bei mir? – Ja, ich kenne das auch von mir, dass mich Wut und Ärger packen und ich mir relativ schnell dessen bewusst werde, dass das nicht okay war, wie ich gefühlt, gedacht und gehandelt habe. Aber es gibt auch das andere: Dass ich mit größerem Abstand auf Szenen in meinem Leben zurückschaue und mich frage: Warum hast du in dieser Situation nicht mehr Geduld gehabt? Warum ist es dir nicht gelungen, dich auf diesen einen Menschen mit seinen – vielleicht auch schrägen – Eigenarten einzulassen? Da können dann durchaus schon einmal 21 Monate vergangen sein, bis ich das erkenne und das Schuldgefühl einsetzt.
Doch egal, ob sich bei mir das Schuld- und Schamgefühl nach 21 Minuten oder 21 Monaten einstellt, bin ich froh, einen Ort zu haben, wo ich damit hinkann, Gott:
»Bei dir aber, Herr, unser Gott, ist Barmherzigkeit und Vergebung.« (Daniel 9,9, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft)
Christoph Barnbrock
Entdecke mehr von Team Gott
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
