Zu Weihnachten habe ich von einem Freund Axel Hackes Buch »Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen« geschenkt bekommen. Ich finde dieses Buch ausgesprochen lesenswert – einmal, weil es sich leicht liest, und dann auch, weil Aspekte des Lebens (und des Empfindens) in Zeiten wie diesen in den Blick kommen, die ich so noch nicht auf dem Schirm hatte.
Kapitel für Kapitel nimmt der Autor verschiedene Gefühle unter die Lupe und beleuchtet sie sowohl aus individueller als auch aus gesellschaftlicher Perspektive. Vor kurzem habe ich die Kapitel »Wut« sowie »Ohnmacht und Hass« gelesen und war verblüfft (und zugleich unmittelbar überzeugt) von dem, was der Verfasser hier geschrieben hat.
Manches war mir auch vertraut. Dass Wut und Hass etwa etwas mit fehlender Anerkennung zu tun haben kann, die wir alle wie die Luft zum Leben brauchen. Genauso auch, dass der Hass, der sich gegen andere richtet, nicht selten etwas mit einem negativen Selbstbild zu tun hat. Was ich mir aber bis dahin noch nicht klargemacht hatte (oder mir wieder entfallen war), war, dass Wut auch eine Form der »Selbstermächtigung« darstellt. Das heißt, wenn ich mich ohnmächtig fühle angesichts all des Leides, der Ungerechtigkeit und mancher Ausweglosigkeit in dieser Welt, dann sind Wut und Hass zumindest ein vermeintlicher Weg, damit fertig zu werden. Wenn ich die hasse, die aus meiner Perspektive auf der falschen Seite stehen und für all das Schlimme in der Welt verantwortlich sind, dann fühle ich ja indirekt, dass ich auf der richtigen Seite bin. Wenn ich diese Menschen dann noch mit Hasskommentaren attackiere, dann meine ich, zumindest meinen kleinen Anteil zur Wiederherstellung des Guten und der Gerechtigkeit in der Welt getan zu haben. Und schon bin ich dem Gefühl der Ohnmacht entkommen.
Während der psychologische Mechanismus einleuchtet, lässt sich die Frage, ob man mit Wut und Hass die Welt verbessern kann, mit einem glatten »Nein« beantworten. Beides macht die Welt nicht besser. Mit Wut steigt nur das allgemeine Level der Erregtheit in der Gesellschaft weiter. Und Hass führt zu neuem Hass. Und die Spirale der Empörung dreht sich munter weiter. Und die meisten würden mir von einem mehr oder weniger neutralen Standpunkt an dieser Stelle auch zustimmen. Warum aber gibt es dann so viel Wut und Hass in der Gesellschaft, nicht zuletzt in den Sozialen Medien?
Der Autor des Buches beschreibt das mit dem Griff zu einer Tüte Kartoffelchips. Man wird nicht satt davon, weiß wahrscheinlich sogar, dass sie ungesund sind und greift doch immer wieder dazu. Und wenn ich einmal in die Tüte hineingegriffen habe, dann will ich immer mehr davon.
Der christliche Glaube bietet hier tatsächlich eine radikale Alternative – jedenfalls solange er nicht selbst für das Spiel mit Wut und Hass missbraucht wird. Eine Alternative wird dann erkennbar, wenn Gottes radikale Liebe zu uns Menschen in den Mittelpunkt rückt. Die Botschaft des Kreuzes Jesu ist: Gott stellt sich selbst dem Zorn entgegen, um seine Liebe zum Ziel kommen zu lassen. Und was für ein Same könnte das auch für das menschliche Miteinander sein, wenn wir uns, gesättigt mit Gottes Liebe, den Griff in die Chipstüte des Hasses und der Wut verkneifen und als Christen Keimzellen der Liebe und der Achtung bilden würden! – Und das nicht nur an den Stellen, an denen wir ohnehin mit anderen »gut können«, sondern auch an denen, wo uns andere fremd sind und fremd bleiben.
Jesus Christus spricht: »Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!« (Johannes 15,9, Lutherbibel 2017, © Dt. Bibelgesellschaft).
Christoph Barnbrock
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